Lit.Cologne Beklemmend still

Zum Auftakt des Kölner Literaturfestivals sprachen der türkische Journalist Can Dündar, die Schriftstellerin und Physikerin Aslı Erdoğan und andere Publizisten über Verfolgung und Widerstand in der Türkei.

Von Hans-Peter Kunisch

Mitte Juni 2013 eskalierte der Kampf um den Istanbuler Gezi-Park. Beim Essen vor den alten, inzwischen plattgemachten Buden des kleinen Fischmarkts in der Nähe der Galata-Brücke, brannten zufällig vorbeikommenden Touristen die Augen vor Tränengas. Neben dem Fisch lagen die behelfsmäßigen Gasmasken, die am Rande einer von der Polizei brutal bekämpften, friedlichen Demonstration verteilt worden waren. Durch die Fenster eines schicken Restaurants auf der mittleren Ebene der Brücke war eine wilde Hochzeit zu sehen, während oben Demonstranten vor Stoßtrupps flüchteten. Und doch war die Stimmung in der Stadt hoffnungsvoll, fast siegesgewiss. Keiner gab Recep Tayyip Erdoğan eine ernsthafte Chance, die anstehenden Wahlen zu gewinnen. Seine Zeit sei abgelaufen. Er finde keinen Weg, sich gegen die neue, starke Liberalität, gegen die Freiheitssehnsucht der türkischen Mittelschicht zu wehren.

Knapp vier Jahre später herrscht oft beklemmende Stille. Jeder, der sich engagiert, riskiert Denunziation und Verfolgung. Der Filmemacher Osman Okkan vom Kulturforum Türkei-Deutschland, das sich seit Jahren für Verständigung und für Verfolgte einsetzt, erzählte bei der schon lange geplanten, aber hochaktuellen Eröffnungsveranstaltung der 17. Lit.Cologne, wie Rechtsanwälte, die sich um die mehr als 150 nach dem Putschversuch inhaftierten Journalisten und Schriftsteller kümmern, oft selber einen verzweifelten Eindruck hinterlassen und am Ende des Gesprächs plötzlich fragen, ob es für sie nicht vielleicht in Deutschland eine Möglichkeit gebe?

"Jedes Verbot nützt Erdoğan", glaubt der ehemalige Chefredakteur von Cumhuriyet

Can Dündar, der ehemalige Chefredakteur der regimekritischen Tageszeitung Cumhuriyet, die für den journalistischen Widerstand gegen Erdoğans Allmachtspläne steht, lebt und arbeitet bereits in Deutschland. Viele der Redakteure und Mitarbeiter der Zeitung sitzen im Gefängnis. Wie man sich zu den Auftrittsbemühungen türkischer Politiker in Deutschland stellen solle? Can Dündar war gegen jedes staatliche Verbot. Natürlich sei Erdoğan der Letzte, der einen Nazi-Vergleich ziehen könne, aber man dürfe sich nicht mit "seinen eigenen Mitteln" gegen ihn wehren. "Jedes Verbot nützt Erdoğan." Es unterstütze seine Propaganda. Der Widerstand gegen ihn müsse von der deutschen und türkischen Bevölkerung hier kommen. Die Menschen selbst müssten für die Freiheit eintreten und nicht den Staat vorschicken.

Ganz anders sah das der Schriftsteller Doğan Akhanlı, der seit Langem in Köln lebt, aber 2010 über Monate in einem türkischen Gefängnis gesessen hatte. In seinem Werk hat er immer wieder den Völkermord an den Armeniern zum Thema gemacht. Ein Staat könne einem Politiker, der seine demokratische Ordnung regelmäßig verhöhne, nicht auch noch ein Forum für antidemokratische Politik bieten, die ganz eindeutig das Ziel verfolge, eine Diktatur zu errichten, so Akhanlı.

Die Zwickmühle, in der sich Deutschland in dieser Hinsicht befindet, machte der Schriftsteller Günter Wallraff in einem unfreiwillig komischen Vermittlungsversuch klar. Man könne Erdoğan ja jetzt noch von der Versammlungsfreiheit profitieren lassen. Wenn er aber das Referendum gewinne und sich als Diktator erweise, dann müsse man klar Stellung beziehen. Also erst einmal klassisches Appeasement, deutsche Journalisten wie den Welt-Korrespondenten Deniz Yücel verhaften lassen, und sich erst wehren, wenn es endgültig zu spät ist.

Einen mehr versprechenden Weg zwischen Verbot und Forderung nach Widerstand in der hiesigen Bevölkerung deutete Andreas Görgen, Kulturpolitiker im Auswärtigen Amt, an. Er glaube kaum, dass "die Väter des Grundgesetzes" bei der Versammlungsfreiheit an ausländische Politiker gedacht hätten, die auf fremdem Staatsgebiet Propaganda in eigener Sache treiben wollten. Aber er habe auch nichts dagegen, dass die deutsche und türkische Bevölkerung in Deutschland ihren Protest gegen Auftritte von Erdoğan und seinen Ministern ausdrücke.

Die gefährlich diktaturnahe, Menschenrechte und Grundfreiheiten einschränkende Situation in der Türkei machte an diesem Abend im Klaus-von-Bismarck-Saal des WDR vor allem eine Teilnehmerin deutlich, die nur per Skype anwesend sein konnte. Die Schriftstellerin und Physikerin Aslı Erdoğan, die Ende vergangenen Jahres aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, aber unter Ausreiseverbot steht, erzählte, sichtlich gezeichnet, dass sie bei all den Schwierigkeiten derzeit keine Kraft zum Schreiben habe. Aber die internationale Unterstützung während ihrer Haft habe ihr Mut gemacht. "Die Stimme, die von außen kommt, ist wichtig, um sich ans Leben zu klammern." Trotz allem hoffe sie darauf, dass diese schwierige Phase am Ende "eine starke Literatur" hervor bringe, "sonst werden wir aus dieser Enge nicht entkommen."