Leipziger Buchmesse Abseits der Wasserglaslesung

Am Rande von "Leipzig liest" trifft sich immer auch die junge Lyrik-Szene - ein Besuch bei den Lesebühnen in der Nische.

Von Philipp Rovermann

Wäre da nicht der Kommerz - Messen wären anarchische Orte, außerhalb der Ordnungen der Stadt und des Wetters, ein heilloses Gewimmel unter künstlichem Licht. Wäre da nicht der Kommerz, die Leipziger Buchmesse wäre ein Gedicht von Ulf Stolterfoht. Dem Berliner Lyriker, Übersetzer und Verleger wurde dort am Freitag der Preis der Literaturhäuser verliehen, während nebenan ein offenbar nichts ahnender Chor mit aller Gewalt seine Laudatio und seine Lesung niedersang. Stolterfoht aber wirkte, als wäre das ein Irrsinn ganz nach seinem Geschmack.

Sein neuer Band "Neu-Jerusalem" schmiedet blasphemisch die JohannesOffenbarung und die Geschichte der pietistischen Bewegung des 18. Jahrhundert zu einem sprachlustig rumpelnden, herrlich aus der Zeit gefallenen Porträt des Berlins der Gegenwart zusammen. Dabei könnte der Kontrast zu dem diesjährigen Gewinner des Belletristik-Preises der Leipziger Buchmesse, Guntram Vesper, größer kaum sein. "Frohburg", dieses 1002 Seiten starke Porträt seiner Heimatstadt, ist ein Buch, in dem etwas festgehalten wird. Der Preis für Stolterfoht dagegen geht an ein mobileres, performativeres Verständnis von Literatur. Im vergangenen Jahr hat er den Verlag Brueterich Press gegründet. Dessen Motto "Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis" wurde seither oft amüsiert zitiert. Das Vermarktungskonzept des Verlags heißt, man staunt, Abonnements für Neuerscheinungen. Eine trotzig-ironische Zuspitzung des Markenprinzips.

Darin stecken zwei Tendenzen des jüngeren Literaturbetriebs: der wiedererwachende Wille zum Kuratorischen und zu Literatur als "sozialer Praxis". So nennen es die Teilnehmer eines Vernetzungstreffens unabhängiger Lesebühnen aus dem deutschsprachigen Raum, das am Tag vor der Eröffnung der Buchmesse am Leipziger Literaturinstitut stattfand. "Unabhängig" bedeutet in diesem Zusammenhang: Man ist eventuell angeschlossen an ein Literaturhaus, hat aber inhaltlich freie Hand. Man hat vielleicht nur einen alten Keller in der Stadt, ein Mikrofon, ein paar Stühle und bildet disziplinäre Nischen. Lesungen werden interaktiv konzipiert, verbunden etwa mit Einladungen zu offenen Schreibwerkstätten wie bei "Meine drei lyrischen Ichs" in München.

Oder man bezieht, wie die Reihe "Hauser und Tiger" in Berlin, den eigenen Kiez und lokale soziale Projekte mit ein. Die "Hafenlesung" in Hamburg bringt fremdsprachige Texte teils im Original zu Gehör, als Hommage an das ungezwungene Sprachengewimmel eines Hafens. Für 2018 ist ein "Festival der unabhängigen Lesebühnen" geplant. Viele der Veranstalter sind selbst überrascht, wie groß der Zuspruch ist, den sie vom Publikum erfahren haben. Keine der beteiligten Lesereihen ist älter als fünf Jahre. "Lyrik ist Happening" heißt eine davon in programmatischer Doppeldeutigkeit - Ulf Stolterfoht sprach etwas genervt vom zunehmenden "Eventzirkus", der mit dem Lyrik-Boom einhergehe, obwohl die wenigsten dieser jungen Lesereihen reine Lyrik-Formate sind.

In den Nischen gedeiht eine starke performative Literatur

Zugleich wendet man sich mit der Entscheidung für eine kuratorische Auswahl der Autoren gegen das Prinzip der Poetry Slams, die noch bis vor wenigen Jahren fast konkurrenzlos die jungen literarischen Bühnen abseits der Wasserglaslesungen in den Literaturhäusern beherrschten. Bei Poetry Slams entscheidet das Publikum, welcher Vortragende gewinnt, wer verliert. Daher konzentrieren sich die dabei "performten" Texte meist auf tragische und komische Pointen. Es besteht der implizite Zwang, alles so einfach und dadurch zugänglich wie möglich zu halten. Wer nicht verstanden wird, gewinnt auch nicht. Und darum geht es schließlich.

Dem entgegen steht die heitere Kompliziertheit, die sich Brueterich Press auf die Fahnen geschrieben hat. Dass schwierige Sprache aber zugleich als "soziale Praxis" funktionieren kann, lässt sich an der Dichterin Uljana Wolf illustrieren. Ein paar Stunden zuvor konnte man sie noch am Arte-Stand auf der Messe bewundern, am Freitagabend trat sie im Hinterzimmer einer Leipziger Metal-Kneipe ans Mikrofon. Dumpfe Stimmen und Gitarrenmusik drücken durch die Tür.

"Sist zappenduster im gedicht, welche sprache es wohl spricht?" In Zeilen wie diesen wandert sie mit der vorgeblich naiven Freude eines Kindes, das sprechen lernt, zwischen den Sprachen hin und her, übersetzt wörtlich und dadurch falsch, stellt Fallen, "sodass auch die festländer wieder dösen, sich lösen von allem", bis einem auch die eigene Sprache zur Fremdsprache wird. Jedes ihrer Gedichte ist ein zugleich politischer und analytischer Akt. Ein Sturz ins Unbekannte, in dem sich, nur für einen Moment, der utopische Raum eines gegenseitigen Verstehens öffnet.

Aber: "Auch dieser Raum entsteht durch Gebrauch" - so heißt die Veranstaltung in der Metal-Kneipe. Zwei junge Männer mit geschminkten Gesichtern und in Basketball-Trikots moderieren den Karneval der Worte, insgesamt zwölf Dichter stehen auf dem Programm. Zum Schluss tritt Daniela Seel ans Mikrofon, die Verlegerin von Ulf Stolterfohts "Neu-Jerusalem" bei Kookbooks. "Wo endet das Römische Reich", fragt sie mit feierlicher Rätselhaftigkeit. Ihre Antwort: "Das Römische Reich endet nie!"

(Foto: Daniela Wiesemann)