Kurzkritik Zungenbrecher

"Faust, vielleicht?" im Akademietheater

Von Sabine Leucht

Von einem alten bayerischen Planwagen grüßt das Konterfei Bert Brechts. In der Eingangstür aus Metall strahlen sechs junge Menschen mit dem blendenden Licht um die Wette: alle ganz in weiß und so erwartungsfroh eingeschüchtert, als läge vor ihnen nicht die Bühne des Akademietheaters, sondern die heimlich geenterte Gute Stube am Heiligabend. Und es braucht Zeit, etliche aufmunternde Blicke und fast brutale Schubser, bis Ece Nur Ates, Anil Ates, Deniz Danisoglu, Tara Demircioglu, Cansu Ezgi Ince und Ahsen Ozercan den kurzen Weg zur Rampe überwinden, wo sie den Zuschauern artig die Hand geben und Worte zuwerfen, die eventuell brückenbaudienlich sein könnten: Lokum? Chai? Baklava? Vielleicht etwas Tanz? Oder die universelle Sprache der Musik?

Die Schwierigkeit des Überwindens sprachlicher und kultureller Barrieren ist das Thema von "Faust, vielleicht?", der Abschluss- und sogenannten "Gastarbeit" des Regiestudenten Caner Akdeniz an der Bayerischen Theaterakademie. Selbst in Nürnberg geboren, hat er türkische Schauspieler (fünf Frauen, einen Mann) auf den Inbegriff deutschen Kulturgutes losgelassen: Goethes "Faust 1", worin es unter vielem Anderen einen Menschen danach verlangt, seine Grenzen auszuloten. Die sind bei den sechs charmanten Gästen vom Bosporus einerseits schnell erreicht, denn die deutschen Worte rollen schwer und oft unverständlich über die ungeübten Zungen.

Der Sprechduktus, der vom Inhalt nichts weiß, kehrt sich gegen dessen Sinn. Der Text, der hier in einem Weltatlas steht, auf dessen Cover jemand mit groben Lettern "Faust" gepinselt hat, dient nur als phonetisches Material, mit dem lustvoll und zunehmend verzweifelt gespielt wird. Der Prolog im Himmel, der Osterspaziergang - alle geradebrechten Worte, anskizzierten Situationen und gewollt pathetischen Gesten sind ebenso Angebote an die deutschen Zuschauer wie die türkischen Süßigkeiten zu Beginn. Beziehungsweise irgendetwas Drittes zwischen Angebot und Hilfeschrei. Und anders als der Text kommt das an und gibt Stoff für Diskussionen.