Kurzkritik Wut und Trauer

Die Philharmoniker unter Semyon Bychkov

Von Klaus Kalchschmid

Wer heute ein Werk für großes Orchester "Symphonie" nennt, meint das entweder ironisch oder weiß genau, was er tut. Thomas Larchers 2. Symphonie, ursprünglich als "Konzert für Orchester" geplant und 2016 mit den Wiener Philharmonikern unter Semyon Bychkov uraufgeführte, stand jetzt bei den Münchner Philharmonikern im Gasteig auf dem Programm. Das Warten auf das bereits für ein Konzert im vergangenen Juni angekündigte Stück - und wieder mit Bychkov am Pult - hatte sich gelohnt: eine veritable viersätzige, fast eine Dreiviertelstunde lange Symphonie ist es, mit Themen wie für einen Sonatenhauptsatz, dezidierten Rhythmen, viel Tonalität, aber auch raffiniert geschärfter Dissonanz und einem Klangfarbenreichtum, der schon beim ersten Hören unmittelbar nachvollziehbar ist.

Eine wichtige Rolle spielt dabei, neben sechs Schlagwerkern, ein Akkordeon, das nie solistisch eingesetzt wird, aber sehr differenziert zur Abmischung von raffinierten Klangvaleurs dient. Das Adagio atmet immer wieder Mahler-Luft und bietet eine riesige Steigerung, bei der am Ende nur eine Solovioline übrig bleibt - wie auch am Ende des Finales mit seinem elegischen Epilog.

Der Untertitel des Werks, "Kenotaph", nimmt direkt Bezug auf Tausende ertrunkener Flüchtlinge im Mittelmeer und möchte "Gräber für verlorene und vergessene Seelen" Musik werden lassen. Deshalb gibt es "als Symbol für das, was mitten in Europa geschehen ist" in dieser Symphonie so viel Wut und Trauer, Aufruhr und Resignation gleichermaßen. Die perfekte Ergänzung dazu war Richard Strauss' ähnlich großbesetzte, aber in viel konkreterem Sinne programmmusikalische, düster nachtschwarz beginnende und endende "Alpensinfonie". Die Philharmoniker spielten unter Bychkov auch hier nicht minder plastisch und farbenreich auf und ließen alle Brillanz des Werks, nicht zuletzt in den Blechbläser-Ballungen, aber auch die intimen Momente faszinierend Klang werden.