Kurzkritik Überschwang

Der Tenor Julian Prégardien in der Allerheiligen Hofkirche

Von Klaus Kalchschmid

Julian Prégardien gibt nicht einfach einen Liederabend, sondern geht an der Seite des nicht minder fantasie- und teilnahmsvoll gestaltenden Michael Gees am Flügel mit den Zuhörern in der Allerheiligen Hofkirche auf eine ebenso spannende wie beglückende Reise, die er mit jeder Schattierung seines fein timbrierten Tenors und mit jeder Faser seines Körpers durchlebt. Vor der Pause singt Prégardien die sargsüchtigen Lieder eines Liebeskranken in Schumanns op. 24 mit manchmal sogar zwischen den einzelnen Strophen fein oder auch kühn improvisierten Intermezzi des Pianisten, danach vor kernig jungmännlichem Überschwang berstende Balladen. Am Ende entführt eine reine, lichte Seele ins Jenseits mit Goethe ("Über allen Gipfeln ist Ruh'") und Eichendorffs "Mondnacht".

Prégardien lässt es sich nicht nehmen, den Ausbruch eines Herzens, in das sich "alte Träume" drängen, leuchtend und im Tempo zurückgenommen auszukosten, als der "Liebe Geist" die schon toten Lieder mit Verzierungen und Triller wie in einer kleinen Opernarie wiederzubeleben, oder am Ende der "Loreley" aus der Feder von Robert Schumanns Frau Clara mit einem nicht komponierten "Lalalala" eine spöttische Stimme zu verleihen. In der Zugabe streut er dann als Sandmann zarteste Schlafkörner in Kinderaugen.

Während Julian Prégardien im ersten Teil und wieder am Ende an der Seite des ebenso fein wie trocken und doch deutlich akzentuierenden Pianisten oftmals Brust- und Kopfstimme mischt, gibt er dem blasphemisch hochmütigen Belsazar und den vor Lebens- und Liebeskraft nur so strotzenden Gesellen und Grenadieren, die von widerstrebenden Gefühlen getrieben werden, die Stimme der naiv auftrumpfenden Leidenschaft, manchmal auch die eines Berserkers. Wann hat ein Liederabend eine derartige emotionale und musikalische Bandbreite besessen, bei der sogar das einst so populäre "Melodram" mit gesprochenem Text zur Klavierbegleitung wieder aufleben durfte?