Kurzkritik Sinn fürs Lyrische

Neues von Jess Jochimsen in der Lach und Schieß

Von Oliver Hochkeppel

"Wir machen's uns mal schön. Unschönes gibt's genug", verkündet Jess Jochimsen gleich zum Einstieg in sein neues Programm "Heute wegen gestern geschlossen" in der Lach- und Schießgesellschaft. Und obwohl alles dabei ist, was man in diesem Tempel des politischen Kabaretts erwartet, also Satire, die scharfe Auseinandersetzung mit Politikern und Gesellschaftskritik, hatte er hinterher nicht zuviel versprochen. Selten verließ man den "Laden" so gelöst, heiter und zugleich angeregt. Wie gibt's denn sowas?

Es liegt wohl an dieser sehr seltenen Kombination, die Jochimsen verkörpert und auf die Bühne trägt: Er ist einerseits ein kluger Intellektueller, der sich auf Analyse, Analogien und durchaus böse Attacken versteht. Andererseits aber auch ein sanfter Feingeist mit Sinn für das Lyrische und das Musische. Deshalb kommt selbst noch Gemeines, Tragisches oder der alltägliche Stumpfsinn in einem auch von seiner Stimme beförderten, wohlig-warmen Kokon daher. Es ist überdies viel dazugekommen bei dem 48-Jährigen, seit er in den Neunzigerjahren als erster im Kabarett seine Jugend als 68er-Kind im Münchner Umland aufarbeitete: Schriftstellerei, Fotografie, Familie, die Persönlichkeitsbildung in seiner Wahlheimat Freiburg, "the Capital of Gutmenschentum", wie er es selbst ironisch formuliert. All das packt er ins vielleicht rundeste seiner Bühnensoli.

Den Rahmen gibt ihm die alte, falsch adressierte Arztfrage vor: "Wie geht's uns denn heute?" Das führt ihn vom Privaten ins große Ganze, mal zum populistischen Dreiklang Fußball, Fernsehen, Volksmusik, mal zu den Jungfrauen im IS-Paradies, mal zu all den alten Männern, die alles "zusperren wollen", mal zum "einfachen Lied" an der Gitarre über eine Ménage à trois von "Bauer und Schmied". Und jeweils gegen Ende zu seinen unerreicht komischen Foto-Schnappschüssen von Alltagskuriositäten. Man kann süchtig auf diesen Cocktail werden.