Kurzkritik Postpräsente Zeiten

"Pandora Pop" dokumentieren den Dokumentationswahnsinn

Von Christiane Lutz

Sonnenuntergänge. Nichts als Sonnenuntergänge. Am Wasser, am Waldrand, mit Mensch, ohne Mensch. Aaron Austin-Glen hat eine ganze Menge fotografiert, während er mit dem Fahrrad von London in seine Heimatstadt Brisbane in Australien radelte. Er postet die Sonnenuntergänge auf Facebook, auf Instagram, auf seinem Reiseblog, damit seine Freunde teilhaben können. Teilhabe. Das ist eines der Themen bei "Somewhere else but now", einer Performance von "Pandora Pop". Aaron Austin-Glen, der diese gigantische Reise über mehr als 14 000 Kilometer unternommen hat und im Pathos auf der Bühne steht, muss sich die Frage gefallen lassen: Für wen hast du diese Reise eigentlich gemacht? Wirklich Für dich selbst oder doch eher für die "Gefällt mir"-Angaben unter den Sonnenuntergängen? Die Fragesteller, Anna Winde-Hertling, Norman Grotegut und Gunnar Seidel, sind seine Freunde, die Zuhausegebliebenen, die "So was auch gern mal machen" würden, aber nie Zeit dafür haben. Während Aaron erzählt, werden sie von Zuschauern zu Teilnehmern an seiner Reise. Sie steigen selbst auf's Fahrrad (das Originalfahrrad!), schlüpfen ins Zelt und kämpfen mit der Einsamkeit der iranischen Wüste. Aarons Erlebnisse gehören längst nicht mehr ihm allein.

Das zweite Thema des Abends ist der Moment und die Frage: Führt das ständige Dokumentieren von Momenten, wie Aaron es getan hat, dazu, dass er sie intensiver erlebt, oder handelt es sich beim Festhalten nicht um ein Verlassen des Moments im Moment? Wir leben, stellt Pandora Pop fest, längst in postpräsenten Zeiten. Ein Leben für den nächsten Like. Mit einer Mischung aus Szenen, Videoeinspielern und Reisebericht machen Pandora Pop auf unterhaltsame, kluge Weise das Dilemma des von Smartphones und Sozialen Netzwerken begünstigten Dokumentationswahnsinns deutlich, ohne ihn zu verteufeln. Und ganz nebenbei erzählen sie die Geschichte eines wunderbaren Abenteuers.