Kurzkritik Monströs

"Outposts of Resistance" - ein riesiges Tableau des Irakkriegs

Von Egbert Tholl

Der Weg zur Aufführung und der Ort selbst, an dem diese stattfindet, stimmen einen trefflich ein auf das, was kommen wird: 195 Minuten Krieg. Und zwar als riesenmonströses Wort- und Lärm-Panoptikum, so überbordend in Inhalt und Länge, dass man zwischenzeitlich glaubt, der Regisseur Sebastian Hirn wolle den Irakkrieg von 2003 in Echtzeit nachstellen. Dabei geht es nur um einen, allerdings sehr bemerkenswerten Randaspekt: Noch vor Ausbruch des Krieges ging eine Gruppe von Friedensaktivisten in den Irak, um als "Human Shields", menschliche Schutzschilde also, zivile Einrichtungen vor der Bombardierung zu schützen. Wer weiß, wären es so viele gewesen, wie der Initiator Ken O'Keefe sich ersehnt hatte, vielleicht wäre gar keine Bombe gefallen - ein schöne Utopie.

Lisa Hörstmann und Sebastian Hirn haben eine Überfülle an Material aufbereitet und geben es sechs Darstellern, die viele, viele Figuren verkörpern, 131 Szenen in mehr als drei Stunden und auf Englisch. Danach hat man eine Ahnung, wie es im Irak vor, während und nach dem Krieg war und ist, welche Interessen hier verfolgt wurden und werden. Hirn kann sich von kaum einer Information lösen, es ist eine Überforderung, die zwar durchaus gewinnbringend ist, aber auch eine lehrreiche Tortur. Dazu treibt Zoro Babel auf seinem Schlagzeug das von den Amerikanern erdachte "kreative Chaos" an.

Manche der "Darsteller" sind "echt", die engelsgleiche irakische Dichterin Naseem Al-Daghstany etwa. Plastizität schaffen die prächtigen Bühnenprofis Andi Bittl und Anjorka Strechel, die an diesem Abend auch noch aussieht wie Léa Seydoux. Insgesamt ein irres und irrlichterndes Erlebnis, bis 1. Dezember in der Plinganserstraße 52.