Kurzkritik Mitten ins Herz

Juan Diego Flórez begeistert in der Philharmonie

Von Michael Stallknecht

Wer nicht weiß, warum Tenöre kollektive Hysterien auslösen können, der hätte es am Dienstagabend in der Philharmonie erleben können. Gekommen war Juan Diego Flórez, aber nicht mit einem der bei Arienabenden üblichen Schmalspurprogramme, sondern mit dreizehn (!) Arien, die ihm nicht nur das Unterschiedlichste, sondern buchstäblich alles abverlangten. Es lief noch nicht optimal bei dreimal Mozart zu Beginn, darunter der gefürchteten "Baumeisterarie" aus der "Entführung". Er singe diese Arien zum ersten Mal, sprach Flórez danach zum Publikum, und krank sei er auch gewesen - ein Akt großartiger Ehrlichkeit.

Flórez ist berühmt für seine Perfektion. Warum, hört man bei einer Arie aus Rossinis "Semiramide" und drei Arien Giuseppe Verdis: Belcanto in Reinkultur, mit elegantesten Koloraturen und Phrasierungen von vollkommener Delikatesse, womit er auch die ihn begleitenden Münchner Symphoniker unter Christopher Franklin zu federleicht sich aufschwingender Spielfreude inspiriert. Niemals käme Flórez auf die Idee, wie andere beim "Lunge da lei" aus "La Traviata" bloß mit der Stimme zu protzen. Er setzt auch bei Verdi auf Eleganz, Noblesse, auf die leisen Stellen - und trifft damit ins Herz.

Wer Flórez für einen Meister nur des Schöngesangs hält, den straft dieser Abend Lügen. Disziplin und Emotion, Kunstfertigkeit und Expressivität gehen hier Hand in Hand - auf der Basis bedingungsloser künstlerischer Ehrlichkeit. Damit rührt er bei drei Liebesliedern Leoncavallos und dem "Che gelida manina" aus Puccinis "La Bohème" auf die sehr spezifische Weise, wie nur Tenöre das können. Die Philharmonie steht Kopf, Flórez freut sich wie ein Kind - und packt zur Zugabe die Gitarre aus, um sich drei Songtitel aus dem Publikum zurufen zu lassen. Und singt danach, als wäre das alles nichts, noch die Arie aus Donizettis "Regimentstochter" mit den berüchtigten neun hohen Cs. Was für ein Wahnsinn, was für ein Abend.