Kurzkritik Komplexes Programm

Kent Nagano und die Münchner Philharmoniker

Von Klaus Kalchschmid

Es fühlte sich fast an wie ein Sonderkonzert zur Münchner Biennale für neues Musiktheater. Denn wann spielen die Philharmoniker schon ausschließlich Musik des 20. und 21. Jahrhunderts in einem Konzert? Kent Nagano machte es möglich und erwies sich mit einem beziehungsreichen, amerikanisch-britischen Programm fast als Visionär: Beginnend mit Charles Ives' "Unanswered Question" samt sphärisch entrückter Ferntrompete und endend mit der großartigen zweiten Symphonie von Leonard Bernstein aus den Jahren 1948/49. Sie ist eigentlich ein verkapptes Klavierkonzert und trägt den Titel "The Age of Anxiety - Das Zeitalter der Angst".

Dazwischen gab es als Münchner Erstaufführung den Liederzyklus "Dream Of The Song" für Countertenor, Frauenchor und kleines Orchester nach Texten von Solomon Ibn Gabirol, Samuel Hanagid und Federico Garcia Lorca. Leider war Andrew Watts erkrankt, und seinen Einspringer Christopher Robson konnte man teilweise kaum hören. Das tat der Faszination dieser klanglich so abwechslungsreichen, melodisch dichten und doch durchsichtigen Musik keinen Abbruch, zumal immer wieder die Frauen des Philharmonischen Chors als prägnanter Hintergrund sangen.

Bernsteins "Age Of Anxiety" nach dem gleichnamigen Versdialog von Wystan Hugh Auden, der von vier Menschen in einer New Yorker Bar handelt, war das gut halbstündige Hauptwerk. Es bestach dank eines farbig ausdifferenzierten Orchesterklangs, aber auch durch Gilles Vonsattel, der im dritten Teil eine Party als Jazzpianist zum Glühen brachte - und dabei schon mal mit einem zweiten Klavier wie aus dem Nebenzimmer korrespondieren durfte. Das war eine musikalische Szene, wie sie nur Bernstein in eine Symphonie einbauen konnte, deren vielfältige Bezüge zur Musikgeschichte dennoch kein eklektisches Werk ergeben. Dabei endet das Ganze wie Mahlers Zweite, entwickelt aber auch im ersten Teil konzise 14 Variationen, die in eine gewaltige dissonante Steigerung münden.