Kurzkritik Hüftschwung in heiler Welt

Andreas Gabalier sinniert im Olympiastadion

Von Jonas Lages

Nach einer Stunde wird er nachdenklich. Andreas Gabalier setzt sich auf seinen Holzhocker und erzählt, dass es für ihn "hie und da a bisserl Gegenwind" gebe. Und ans Publikum: "Danke, dass man trotz der Öffentlichkeit auch Mensch sein darf und hier und da einfach seine Meinung kundtut." Applaus. Mit "A Meinung haben" folgt dann ein Loblied auf Menschen, die ihr politikverdrossenes Schweigen brechen und hinter ihrer Meinung stehen. Da wäre sie dann also, zum ersten Mal: die immer wieder gestellte Frage, wo dieser Gabalier denn im politischen Spektrum von links und rechts steht. Und, noch wichtiger: von gestern und heute. Wo er kommerziell steht, ist klar.

Am Samstagabend füllt er mit seinem Hybriden aus Hüftschwung und Heimatliebe das dritte Jahr in Folge das Münchner Olympiastadion. Mehr als 70 000 Menschen bilden diesmal eine rot-weiß-karierte Wolke in Dirndln und Lederhosen. Es gibt generationenübergreifende Polonaisen, schunkelnde Pärchen und textsicher murmelnde Kopfnicker - vor allem zu Stücken wie "I sing a Liad für di" oder "Verdammt lang her". Für letzteres hat er Bryan Adams' "Summer of 69" ins Österreich der Neunziger verlegt: "Wahnsinn, wie sehr i an die Zeiten häng".

Es ist eine Nostalgie, die zumindest auch mit dem Unbehagen an Veränderungen kokettiert. "Wenn du in Österreich bist, schaust du dir eine Kirche an, wenn du in einem muslimischen Land bist, schaust du dir die Moschee an. Vielfalt bedeutet für mich, dass nicht alles zu einem Brei wird." So viel zu eine Meinung haben.

Und so entwirft er das Gegenmittel: eine heile Welt, in der man Traditionen lebt und Werte bewahrt. Ein kollektiver Eskapismus, eine nostalgische Zuflucht im Gestern. Nostalgie ist aber nie allein Sehnsucht nach der Vergangenheit, nie allein Widerstand gegen die Gegenwart. Im Grunde ist sie auch immer der Wunsch nach einer anderen Zukunft. "Wahnsinn, wie sehr i für die Zeiten brenn". Wirklich: Wahnsinn.