Kurzkritik Flatterwesen

"Faust-Symphonie" mit Orgel und Tanz in der Philharmonie

Von Sabine Leucht

Spektakuläre Videos, gut zwei Dutzend Tänzer der Iwanson-Schule und des Gärtnerplatztheaters und die Uraufführung einer Transkription von Franz Liszts Faust-Symphonie auf der größten Konzerthaus-Orgel Münchens: Die Veranstaltung in der Philharmonie ist wohl eine der ehrgeizigsten des Faust-Festivals. Sie kommt in Matteo Carvones erster abendfüllender Choreografie wirkungsvoll über die Rampe, wenn auch die vorherrschende hyperelastische Bewegungssprache vor allem in den Gruppenszenen weniger Tiefe als ornamentale Effekte generiert. Und Witz!

Der Italiener, in der letzten Spielzeit selbst noch Tänzer im Gärtnerplatz-Ensemble, macht eine "göttliche" Komödie oder eher eine der vielen gefallenen Engel aus dem "Faust". 23 davon entern im ersten Satz die Bühne, auf deren Holzstufen Thomas Martino als Oberfaust in rotem Mantel cool den Überblick bewahrt. Dieser Mantel wechselt noch manches Mal den Träger, bleibt so rätselhaft bedeutungsvoll wie der mannshohe goldene Würfel, der eine ganze Faust-Meute abstößt, aber sechs schenkelklopfende Mephistos einlässt.

Hansjörg Albrecht hat Liszts 1857 uraufgeführte "Faust-Sinfonie in drei Charakterbildern" für Orchester, Chor und Tenorsolo für die Klais-Orgel umgeschrieben und sitzt höchstselbst am Instrument, das vor allem im ersten Satz oft sakral klingt, sich in der Folge aber als stimmungsvariabel erweist. Mit Martinos Faust und Anna Calvos Gretchen feiert der zweite Satz eine von Gier, Verrat und Berechnung ungetrübte Romanze, während der dritte - ein Scherzo - sechs Mephistos Raum für teuflische Bewegungsscherze lässt. Gemahnten schon die "Fäuste" zu Beginn mit flattern Armen und Propeller-Händen an einen Hühnerhaufen, hat vor allem David Valencias Teufelsbraten an Gockeleien ebenso offensichtlich Spaß wie an der Verwandlung in ein gollumartiges Kriechtier. Zum Finale gibt es statt Körperwellen hibbelige Hochspannungskörper, denen doch etwas Vogelartiges bleibt.