Kunstschatz in "Stuart Little" Verschollenes Meisterwerk in Kinderfilm entdeckt

Gergely Barki will mit seiner Tochter nur einen Film anschauen. Doch als er das Wohnzimmer in "Stuart Little" sieht, traut der Kunsthistoriker seinen Augen kaum.

Von Carolin Gasteiger

Es war einmal ein Vater, der wollte mit seinem Kind einen Weihnachtsfilm anschauen. Aber dann wäre Gergely Barki fast seine Tochter Lola vom Schoß gefallen. Ist das tatsächlich die schlafende Dame? Ja, natürlich. Nicht im Traum hätte der 43-Jährige daran gedacht, dass er ausgerechnet in einem Kinderfilm auf ein 90 Jahre lang verschollenes Kunstwerk stößt.

Barki sitzt also an Weihnachten vor vier Jahren mit seiner kleinen Tochter vor dem Fernseher. Die beiden sehen den Kinderfilm "Stuart Little", in dem eine Familie eine kleine Maus, Stuart, adoptiert. In einer Szene ist es Zeit für das Familienfoto: Geena Davis und Hugh Laurie alias Eleanor und Frederick Little stellen sich mit ihrem Sohn George zum Familienfoto auf, der Sohn hält die Maus in der Hand. Barkis Tochter war gebannt von dem sprechenden Tier; Barki selbst vom Bild im Hintergrund. "Ich traute meinen Augen kaum, als ich Berénys lang verschwundenes Meisterwerk an der Wand hinter Hugh Laurie sah", erzählt Barki im Guardian.

Tatsächlich: An der Wand hinter den Littles hängt Róbert Berénys "Schlafende Frau mit Schwarzer Vase" (in dieser Trailerversion bei Minute 2:10) - ein Gemälde, das Ende der 1920er Jahre verloren ging. Barki, der in der Ungarischen Nationalgalerie arbeitet, wusste sofort Bescheid: Zwar kannte er das Bild nur von einem ausgeblichenen Schwarz-Weiß-Foto aus einer Ausstellung von 1928. Aber "als Forscher kannst du die Arbeit nie sein lassen - auch nicht, wenn du zu Hause Weihnachtsfilme ansiehst".

Avantgarde? Wie passend für Stuart Little

Berény war ein ungarischer Maler und Mitbegründer der Künstlergruppe "Nyolcak" ("Die Acht"), eine der bedeutendsten Avantgarde-Künstlergruppen des Landes. 1920 floh er nach Berlin, wo er eine Affäre mit Marlene Dietrich gehabt haben soll. Und das war nicht die einzige: Kunsthistoriker Barki zufolge soll er außerdem der mysteriösen Großfürstin Anastasia, der vermeintlichen Tochter des letzten Zaren Nikolai, nähergekommen sein. Aber wie kommt nun ein Werk dieses Künstlers als Requisite in einen Kinderfilm?

Barki fängt an zu recherchieren, schickt zahlreiche E-Mails an die Produktionsfirmen Sony und Columbia. Ohne Erfolg. Bis er plötzlich nach zwei Jahren eine Antwort von einer ehemaligen Bühnenausstatterin des Films erhält. "Sie sagte, das Bild hätte an ihrer Wand gehangen", sagt Barki. Und dass sie es in einem Antiquariat im kalifornischen Pasadena entdeckt und für wenig Geld gekauft hätte. Sie habe gedacht, mit seiner Avantgarde-Eleganz würde es perfekt in Stuart Littles Wohnzimmer passen, zitiert der Guardian Barki. Als sie Sony verließ, verkaufte sie das Bild an einen privaten Sammler, der es nun nach Budapest gebracht hat. Am 13. Dezember wird es dort versteigert, der Startpreis liegt bei umgerechnet 110 000 Euro, heißt es beim Auktionshaus Virag Judit.

Mit dem Bild findet also ein bedeutendes Avantgarde-Kunstwerk seinen Weg zurück nach Ungarn. Barki vermutet, dass es ein jüdischer Käufer 1928 erworben habe, dann aber vor oder während des Zweiten Weltkriegs aus Ungarn fliehen musste - und die "Schlafende Frau" mitnahm. Und ausgerechnet ein ungarischer Kunsthistoriker entdeckt es in einem amerikanischen Kinderfilm wieder. Ein echtes Weihnachtsmärchen.