Kunst Schranktür in eine andere Welt

Okulieren nennt Rosa Loy dieses kecke Bild. Die Gärtnerin trägt ihre Züge.

(Foto: Loy)

Rosa Loy und ihre Ausstellung "Lichtung" im Glaspalast

Von Susanne Hermanski, Augsburg

Oberflächlich betrachtet, verhandelt Rosa Loy in diesem kleinformatigen Bild - das eher versteckt an einer der Seitenwände in der Galerie Noah im Augsburger Glaspalast hängt - ein typisches Frauenthema. Es zeigt eine Frau in Rückenansicht, bloß mit Slip bekleidet, wie sie ein wenig ums Eck herum in ihren offensichtlich leeren Kleiderschrank blickt. "Ich hab' nichts anzuziehen", könnte sie sagen, doch wäre diese Assoziation zu kurz gegriffen. Aus der halb geöffneten Schranktür strahlt hell ein warmes Licht. Es verlockt die Frau wie den Betrachter, tiefer hineinzusteigen in diesen Schrank. Es sieht ganz so aus, als könne man durch dessen Rückwand in eine andere Welt gelangen. Vielleicht so wie die Kinder in den "Chroniken von Narnia" des irischen Autors Clive Staples Lewis, die durch den Vertiko in ihrem Kinderzimmer aus dem Weltkriegs-London in eine wundersame Fantasiewelt entfleuchen dürfen.

Wer in Rosa Loys Welt einsteigt - die sie stets in leuchtenden Kasein-Farben auf Leinwand erschafft - der findet dort einen ganz eigenen femininen und überraschenden Kosmos vor. Der beherbergt so geerdete Elemente wie die Gartenszenerien, die Loy, die passionierte und studierte Gärtnerin ist, immer wieder zitiert. Darin begegnen dem Betrachter indessen vor allem schwebende, schwerelose Menschen. Meist sind das Frauen, keine Feen, aber rätselhafte, ausdrucksstarke Heroinen, die sich irgendwo zwischen Traumwelt und einem Realismus bewegen, aus dem mit einem Augenzwinkern gerade noch die Ideale des verblassten Sozialismus blinzeln.

Rosa Loy ist das weibliche Gesicht der Leipziger Schule. Oft wird betont, wie sehr ihre Arbeiten einer neuen Romantik angehörten. Und in ihren jüngsten Werken lässt sie besonders sichtbar werden, wie sie gerade die dunkeln Seiten jener Romantik beschäftigen: "Gedanken der Nacht" heißt das magischste Bild dieser aktuellen Ausstellung, der sie den Titel "Lichtung" gegeben hat. Eine Frau, die andeutungsweise Rosa Loys eigene Züge trägt, sitzt darin auf ihrem Bett. Finsternis herrscht im Zimmer, auch wenn kleine freundliche Mädchengnome das Bett umschwirren. Auf dem Laken breitet sich hinter der Frau ein Schatten wie eine leere Menschenhülle aus. Auch unter dem Bett liegt eine stilisierte Figur wie eine Puppe, mit spitz aufragenden Brüsten. Doch allein die beinahe nackte Protagonistin blickt dem Betrachter mit einem sibyllinischen Lächeln ins Gesicht.

Rosa Loys Bilder sind wie Bücher. Sie erzählen von Abenteuern, bisher nie gehörten Sagen, Leid und Liebe - auch von der zu ihrem Mann Neo Rauch, mit dem sie seit 1985 verheiratet ist. Doch Vorsicht! Wer beginnt, darin zu lesen, kann so bald nicht wieder aufhören.

Rosa Loy, Lichtung, Galerie Noah im Glaspalast Augsburg, bis 10. Januar