Kunst im Nahen Osten Schwarz, Frau, Gold

Eine Begegnung mit der arabischen Künstlerin Anisa Ashkar, einer Pionierin für arabische Kunst in Israel.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Wenn Anisa Ashkar die Tür ihres Ateliers öffnet, stutzt man. Die 38-Jährige wirkt wie aus einem ihrer Kunstwerke gefallen, derselbe Schopf, dieselbe auffällige Erscheinung, und sie trägt tatsächlich Schriftzeichen im Gesicht.

Schon als Kind interessierte sie sich für Kalligrafie, seit ihrer Studienzeit in der Hamidrasha-Kunstschule vor 25 Jahren im Norden Israels schreibt sie arabische Formulierungen auf ihr Gesicht, manchmal Sätze, meist nur einzelne Wörter wie "Freiheit" oder "Leben". Damit fällt sie auf - in Israel erst recht.

Denn Ashkar ist Araberin, Muslima und Feministin. Für manche Israelis sind dies drei Zumutungen in einer Person. Mit ihrer Kunst am Körper, die sie als permanente Performance auch auf der Straße zeigt, exponiert sie sich. Dass es arabische Schriftzeichen sind, fällt noch mehr auf in einer Umgebung, in der arabische Israelis oft auf Feindseligkeit treffen.

Im Gespräch wirkt Anisa Ashkar zurückhaltend, fast schüchtern. "Es hat mich stärker gemacht und meine künstlerische Identität geprägt", sagt sie. Die arabische Kalligrafie sei ein wichtiges Element traditioneller islamischer Kunst und für sie eine künstlerische Ausdrucksform.

Ashkar ist eine Galionsfigur der wachsenden Gruppe arabischer Künstlerinnen und Künstler, die versuchen, im jüdischen Staat ethnische Grenzen zu überwinden und die zumindest in der aufgeschlossenen Kunstszene in Israel zunehmend stärker Beachtung finden. Ashkar hat ihr Atelier nicht in Tel Avivs Stadtteil Jaffa, wo sich Araber und Israelis im Alltag noch am häufigsten begegnen, sondern mitten im Zentrum von Tel Aviv in der Nähe des Rathauses. In dem hellen, lang gestreckten Raum lehnen Bilder von ihr an den Wänden: Collagen und großformatige Porträtfotos, die Nahaufnahmen der Schriftzüge auf ihrem Gesicht zeigen. Dazwischen lehnen großformatige Leinwände mit abstrakter Malerei. Als eines ihrer Vorbilder nennt sie die Künstlerin Georgia O'Keeffe.

Ihre Ausstellung ist in einer ehemaligen Moschee im Süden Israels zu sehen

Zwei Jahre hat sie hier an der Ausstellung gearbeitet, die derzeit im Museum für islamische und nahöstliche Kulturen in Be'er Scheva im Süden Israels zu sehen ist. In diesem Museum ist es die erste Einzelausstellung, in der Werke eines Künstlers - noch dazu einer Künstlerin - gezeigt werden. Davor wurden antike Fliesen und Teppiche aus islamischen Ländern präsentiert, um nicht noch mehr zu provozieren. Denn dass an diesem Ort überhaupt Kunst ausgestellt wird, ist höchst umstritten. Denn das Museum befindet sich in der ehemals wichtigsten Moschee, in der bis zur Staatsgründung Israels 1948 gebetet wurde. Es gab heftige Debatten, weil die Muslime von Be'er Scheva das markante Gebäude als Gebetsraum zurückfordern. Nach jahrelangem Rechtsstreit zwischen der Stadtverwaltung und der muslimischen Gemeinschaft bedurfte es einer Entscheidung des Obersten Gerichts Israels, 2014 wurde das Museum eröffnet.

Dass beim Öffnen der Tür der einst Männern vorbehaltenen ehemaligen Moschee der Blick gleich auf zwei große Frauenporträts fällt, hat Signalwirkung. Auf einem der überlebensgroßen Selbstporträts ist Anisa Ashkar mit geschlossenen Augen zu sehen, auf dem anderen schaut sie die Betrachter direkt an. Der provokante Titel lautet: "Meine Mutter sagte, die fruchtbare Gebärmutter einer Frau ist wie ein Obstgarten." Was sie damit ausdrücken wolle? "Als feministische Künstlerin will ich die traditionellen Rollen von Mann und Frau infrage stellen. Gerade an diesem Ort." Im Islam sind figürliche Darstellungen von Menschen im religiösen Bereich ausgesprochen unüblich.

Ob sie gezögert habe, das Angebot anzunehmen, in einer ehemaligen Moschee ihre künstlerischen Werke auszustellen? "Ich wusste, es ist gefährlich für mich als Frau und als Künstlerin. Und ich glaube an Gott. Aber ich habe mich stark genug gefühlt." In so einem Raum auszustellen, sei deutlich schwieriger als in einem neutralen, weißen Zimmer, wo der Kontext und die Geschichte keine Rolle spielten.

Die Architektur mit der Kuppel in der Mitte und den Rundbogenfenstern zeigt die frühere Bestimmung des Gebäudes, das aus der osmanischen Zeit stammt. In der Mitte des Raums ist eine dominante Installation zu sehen: ein aus Ketten mit Dattelpaste umwickelter Kandelaber. Blattgold bringt ihn zum Leuchten.

Die Ausstellung lässt nicht nur die arabischen Einflüsse erkennen, sondern auch Ashkars Erfahrungen im christlich geprägten Europa. Zwei Jahre hat sie in Deutschland gelebt, die meiste Zeit in München. Auf ihre abstrakten Bilder, in denen die Farben Schwarz und Gold - so auch der Titel der Ausstellung - dominant vorkommen, sind einzelne Stücke von deutschem Rosenthal-Porzellan platziert mit Motiven von Vögeln und Blumen. Sie versteht sie als Reminiszenz an Europa, an die "Hochkultur".

Dass die Teller mit Goldrand versehen sind, zeige eine Verbindung zur Kunst in der arabischen Welt, wo auch Gold gerne eingesetzt wird. "In der islamischen Kultur hat Gold etwas Feminines. Männer dürfen kein Gold tragen, das ist ein weibliches Privileg."

Angesichts jener Kräfte, die Frauen in der islamischen Welt unterdrücken oder verstecken wollen, ist das für sie ein Signal: "Mit der Verwendung von Gold versuche ich, die Rechte der Frauen einzufordern, auch das Recht, aufzufallen."