Kunst Es gibt keine Helden

Kann man die Kreuzzüge mit Marionetten spielen, ohne dass es lächerlich wirkt? Der ägyptische Künstler Wael Shawky kann es und zeigt den Kulturkonflikt als gruppendynamische Katastrophe.

Von Kia Vahland

Wenn die Diskussion um den Islam unsachlich wird und sich die Gemüter auf beiden Seiten erhitzen, wenn von historischer Schmach die Rede ist, von ewiger Feindschaft oder Kulturen, die nicht zusammenpassen - dann geht es meistens bald auch um die Kreuzzüge des Mittelalters ins Heilige Land und den Nahen Osten. Mythenumweht sind die Kreuzzüge, sie stehen für Überfall, Unterdrückung und Zerstörung, schale Siege und verheerende Niederlagen. Neben so viel Drama verblassen in der Diskussion schnell all die Formen friedlichen Kulturtransfers, die das Mittelalter nicht weniger prägten.

Einem hartnäckigen Mythos kann man nur mit neuen Mythen begegnen. Das tut einer besonders beharrlich: der ägyptische Künstler Wael Shawky. Er erzählt die Kreuzzüge als Marionettentheater, nicht immer chronologisch, aber auf der Grundlage von historischen Quellen, die der französisch-libanesische Autor Amin Maalouf zusammengetragen hat. Damit feierte Shawky, nach einem Auftritt bei der Istanbul Biennale, auf der Documenta 2012 seinen Durchbruch. Zuletzt waren seine Puppenfilme in Deutschland vor zwei Jahren in der Kunstsammlung NRW zu sehen, man durfte dort dem Künstler auch schon beim Figurenbasteln zuschauen.

Da rollen Köpfe aus Murano-Glas - es ist ein archaisches, provozierendes Kriegsspiel

Jetzt hat der Mann aus Alexandria das Kunsthaus Bregenz, nun ja, eingenommen, die von Peter Zumthor errichtete Glasfestung wickelte Shawky in eine riesige karierte Kreuzfahrerfahne. Sie bedeckt die halbe Fassade und fließt in hohem Bogen durch das Dach bis ins Innere. Das sieht aus wie ein Werk des Verhüllungskünstlers Christo für Möchtegern-Ritter. Die Leichtigkeit von dessen gerade so erfolgreichen "Floating Piers" am Iseosee schwingt im ersten Moment auch am Bodensee mit. Hier aber kippt die Stimmung schnell in eine Ahnung des Schreckens, den die Kreuzzüge im arabischen Raum immer noch bedeuten. Eine Armee aus halbanimalischen Fell-, Fetzen- und Brokatträgern begrüßt die Besucher im Entrée. Die verformten Herren (und die wenigen Prinzessinnen) glotzen gierig aus aufgeblasenen Schädeln, die Shawky in Venedig aus Murano-Glas fertigen ließ. Manch einer trägt päpstliche Kleidung, andere schmücken Turban und Bauchbinde; insgesamt aber ist nicht klar, wer von den kniehohen ausgestellten Puppen zu welchem Lager gehört. In Shawkys Filmen werden sie die Rollen wechseln. Aus einem muslimischen Prediger wird so im Handumdrehen ein fränkischer Christenführer.

Shawky will die Kreuzzüge nicht entzaubern, er will nur zeigen, wie Eskalation funktioniert. Verrat und Intrigeneifer, Skrupellosigkeit und Hetze sind bei ihm keine Frage der Herkunft, auch nicht Probleme einer bestimmten Periode. Sie lassen sich aber am Beispiel der Kreuzzüge gut entfalten - als gruppendynamische Katastrophen, in denen alle, wirklich alle die Kontrolle über das Geschehen verlieren. Geschichte ist nicht machbar, jedenfalls nicht von Einzelnen mit großen Plänen. So inszeniert Shawky seine Puppenfilme, als wären sie von Richard Wagner erfundene Opern: komplizierte Gesamtkunstwerke menschlicher Abgründe.

Das lässt sich am besten am jüngsten Teil der Filmtrilogie studieren, der in Bregenz im Director's Cut in voller zweistündiger Länge zu sehen ist. "Secrets of Karbala", "Die Geheimnisse von Kerbala" erinnert schon im Titel an die Schlacht im zentralirakischen Kerbala vom 10. Oktober 680, die Schiiten und Sunniten endgültig entzweite. Infolge dessen (und etlicher anderer Verwerfungen) bündelten die Muslime in Shawkys Sicht nicht ihre Kräfte, sondern ließen im 12. Jahrhundert immer wieder Übergriffe der Kreuzfahrer zu oder unterstützten sie. Diese Händel werden verdeckt von pathetischen Reden der arabischen Führer, im Film sind sie englisch untertitelt. Von Blut ist die Rede und von verflossenen Tränen, von den Armen, für die man streite und von Gottes Wille. Es wird viel gebetet und noch mehr gesungen, Shawky mischt dazu modernen Elektrosound mit religiösen Melodien. Das bekommt einen surrealen Sog, zumal da der Künstler die Stadtkulissen nach türkischen Zeichnungen aus dem 15. Jahrhundert anfertigte. Bar jeder Zentralperspektive wirken die Häuser und Moscheen umso traumhafter, die Taten umso archaischer.

Auf beiden Seiten. Die christlichen Antreiber schachern um Schiffe, Städte und ganze Länder, schließen dubiose Tauschgeschäfte ab, lassen Rivalen und unliebsame Verwandte aus dem Weg räumen, alles in Gottes Namen, den ein unwissendes Lumpenheer von armen Europäern zu verteidigen glaubt. Immer wieder sackt eine Marionette unter Hieben in sich zusammen, die Fäden fallen zu Boden: noch ein Opfer, noch ein rollender Glaskopf.

Marionetten sind in Ägypten nicht besonders verbreitet. Ihre größte Zeit hatten die Ziehpuppen nach den Kreuzzügen bis zur Schwelle der Moderne in Zentraleuropa. Es haftet ihnen eine gewisse Schicksalergebenheit an, weil man die Spieler nicht sieht. Schon Platon erkannte im Marionettenspiel deshalb ein Sinnbild für menschliche Abhängigkeiten von Höherem. Später haderten Denker der Aufklärung mit den ferngesteuerten Figuren: Die Strippenzieherei wollte zum freien Willen nicht passen. Marionetten schienen ins angeblich düstere Mittelalter zu gehören.

Das ist Shawkys eigentliche Provokation: Nicht dem lieben Gott sind seine Glaskerle ausgeliefert, sondern den Unzulänglichkeiten ihrer Gemeinschaften, der Destruktion, die sich in aufgeputschter Stimmung automatisch einstellt. Es gibt keine Helden, an die sich die Betrachter halten könnten, nicht einmal klare Erzählungen. Der Zuschauer, die Zuschauerin kann sich in Bregenz nur einlullen lassen von einem mehr oder weniger historischen Geschehen, in das einzugreifen ihm und ihr unmöglich ist. Die Ohnmacht der Figuren greift automatisch auf die Besucher über.

Dazu passt die Gesamtinszenierung der Ausstellung auf mehreren Stockwerken. Streng wird man durchgeleitet, ohne Seitenwege: Erst kommen minimalistisch anmutende Kreuzfahrerfahnen aus Filz, dann die Spiegelplatten mit eingeritzten Stadtansichten, wie sie in manchen türkischen Cafés hängen. Schließlich breitet sich im Dachgeschoss ein saalfüllendes Flugungetüm aus Teerpappe aus. Das ist ein Wink mit der Leitplanke auf den Anschlag von New York von 2001, mit dem alles von Neuem begann. Am besten aber ist Wael Shawky da, wo er mehrdeutig bleibt und Schulweisheiten dekonstruiert, anstatt neue zu verkünden.

Wael Shawky, im Kunsthaus Bregenz bis 23. Oktober. www.kunsthaus-bregenz.at