Kunst Ein Wein beim Herzog

Die Reste eines Frühstücks: Willem Claesz. Hedas Gemälde von 1645.

(Foto: Landesmuseum Oldenburg, Sven Adelaide )

In Oldenburg ist das Altmeistermuseum wieder eröffnet - und lenkt den Blick auf unterschätzte Maler.

Von Kia Vahland

Große Museen haben ein Problem: Viele ihrer Schätze werden nicht angeschaut. Das betrifft die meisten Gemälde an den Wänden. Sie sind von Künstlern, die nicht Caravaggio oder Leonardo da Vinci heißen, sondern Jacob Jordaens oder Palma il Vecchio. Die Lebensleistungen dieser Maler werden leicht übersehen in der Reizüberflutung, die weltbekannte Museen ihren Besuchern in langen Saalreihen zumuten.

Hätte es in der frühen Neuzeit nicht eine Vielzahl solcher sehr guter, aber nicht genialer Künstler gegeben, dann hätten die wenigen Ausnahmetalente niemals ihr Können auf die Spitze treiben können. Nur wenn ganz Holland malt, findet sich irgendwann ein Rembrandt. Und: wie die Altmeister dachten, wie sie zu ihren Bildfindungen kamen, lässt sich heute leichter an den Gemälden der zweiten Reihe nachvollziehen als an den wenigen Jahrtausendstücken. Denn Michelangelo oder Tizian wollten besonders geheimnisvolle, innovative Geschöpfe in die Welt setzen - um diese aber zu verstehen, muss man wissen, mit welchen Vorstellungen sie eigentlich brachen.

Das ist die Chance für mittelgroße Häuser. Im alten Deutschland sammelten viele Fürsten mit beachtlichem Ehrgeiz Kunst. Nach dem Ende der Kleinstaaterei landeten Teile dieser bedeutenden Kollektionen auf dem internationalen Kunstmarkt. Etliches aber blieb in den ehemaligen Residenzstädten, anderes kauften später Bürgermeister und Museumsdirektoren mit Hilfe engagierter Bürger zurück.

Wie sich eine solche gehaltvolle Sammlung voller kleiner feiner Stücke ausgeruht präsentieren lässt, zeigt nun das Augusteum Oldenburg, das nach einer umfassenden Restaurierung gerade wieder eröffnet hat. Im 19. Jahrhundert trugen die Großherzöge hier eine Sammlung zusammen, an der sich die Entwicklung der deutschen, niederländischen und italienischen Malerei exemplarisch ablesen ließ. Dies lag vor allem an einem Glücksgriff: 1804 konnte Herzog Peter Friedrich Ludwig 86 Gemälde aus der Sammlung von Goethes Freund Johann Heinrich Wilhelm Tischbein erwerben, einem Kenner des Barock. Ab 1817 war die Sammlung öffentlich zu sehen, 50 Jahre später entstand in Sichtweite des Schlosses das Augusteum, einer der ersten Museumsbauten Norddeutschlands. Die Decken im Treppenhaus zeugen noch vom Pathos dieser Zeit: Künstler von Giotto bis Albrecht Dürer sind dort porträtiert. Oldenburg, gelegen im tiefen, eher kunstfernen Nordwesten Deutschlands, verstand sich einmal als Hüterin der Kunstgeschichte.

1919 dankte der letzte Großherzog ab, und die Oldenburger kämpften um ihre Bilder. Einiges wurde verkauft, ein Gemälde Rembrandts etwa hängt heute im Rijksmuseum Amsterdam. Beinahe zwei Drittel der Bestände aber gehören noch dem Augusteum.

Jetzt dienen sie wieder als Sehschule. Leicht entrückt und hochkonzentriert zeigt Taddeo di Bartolo um 1410 seine vier Evangelisten: Matthäus schnitzt seinen Federkiel, als wolle er auch die Handarbeit von Künstlern würdigen. Schon viel realistischer nutzt der um 1452 geborene Aelbert Bouts den Goldgrund: In seinem Rundbild suggeriert der Maler, der abgeschlagene Kopf des Johannes läge auf einer glitzernden Schale. Das erschreckende Motiv war zu seiner Zeit beliebt; paradoxerweise glaubten viele Menschen, Bilder des Johanneskopfes schützten vor Halskrankheiten.

Generation um Generation wandert das Auge so die Kunstgeschichte ab, übersichtlich präsentiert auf bunten Wänden über stillen Holzdielen. Da sind die Kirschen in den Händen eines Jesusknaben, das Laubwerk einer Landschaft, ein Seesturm, schließlich die Reste eines Gelages: Willem Claesz Heda zerknüllt 1645 ein weißes Tischtuch aus Damast, wirft einen Weinkrug um und schleudert ausgelutschte Austernschalen auf den Tisch. Kunstvoll entrollt sich daneben eine geschälte Zitrone. So gut kann Ausschweifung aussehen.

Früher stand das Augusteum in Deutschland-Führern, britische Touristen reisten eigens an. Heute konzentriert sich die Aufmerksamkeit eher auf Metropolen. Wenn aber im Louvre alle zur "Mona Lisa" laufen oder in den Uffizien zu Botticelli, könnte es bald eine Gegenbewegung geben: hin zu den übersehenen Werken in kleinen und großen Museen.

Augusteum in Oldenburg, Info: www.landesmuseum-ol.de