Kunst Digitales Erbgut, neu gemischt

"Shockwaves" heißt die Filminstallation der US-amerikanischen Medienkünstlerin Kasumi. Die Arbeit besteht aus 25 000 Einzelbildern.

(Foto: Kasumi)

Die Whitebox, ein neuer Ausstellungsraum im Werksviertel, stellt sich vor - mit Arbeiten zum Thema "Remix"

Von Christina KoormaNn

Die 400 Quadratmeter große Fläche der Whitebox gibt dem Besucher der Ausstellung "Everything Is A Remix" zunächst das Gefühl, in einer Black Box zu sein: Im dunklen Raum ohne Tageslicht wirken die Kunstinstallationen dafür umso intensiver. Mitten im wachsenden Werksviertel am Ostbahnhof stellt sich der neue Werkraum mit seiner ersten Ausstellung gleich selbst mit zur Schau. Die großzügige Ausstellungsfläche in der Atelierstraße passt hervorragend zum Thema, denn sie ist ein Remix ihrer Selbst: Im Erdgeschoss wird noch gehämmert und gebohrt, alles ist in Bewegung, die urbane Kunstszene ist hier im Auf- und Umbau. "Selbst die Whitebox war schon mal da, mit anderem Konzept, anderer Mannschaft, an anderer Stelle und in einem anderen Raum, aber als Idee, Kunst und Kultur einen festen, eigenen Platz auf dem Gelände einzuräumen", erklärt Martina Taubenberger, Kulturmanagerin und Geschäftsführerin der Whitebox. "Mit unserem neuen Konzept wollen wir Grenzen überschreiten, dem Viertel eine Identität geben, interagieren mit dem Ort, dem Stadtraum und den Menschen." Wo bietet sich also eine Medienkunst-Ausstellung mit dem Titel"Everything Is A Remix" besser an als hier?

Multimediale Installationen, in denen aus bereits Vorhandenem etwas Neues entsteht, provozieren Fragen des digitalen Zeitalters: Was ist heute schützenswert? Spielen Urheberrechte überhaupt noch eine Rolle? Was ist "das Original" und wo liegen die Grenzen der Kunstfreiheit? Walter Benjamin, der sich schon 1936 Gedanken über das Kunstwerk und seine technische Reproduzierbarkeit machte, beschrieb, dass dieses "grundsätzlich immer reproduzierbar gewesen ist". Kunst aber nicht nur zu reproduzieren, sondern mithilfe verschiedenster Technik neu zusammenzusetzen, zu verändern und weiterzuverarbeiten, ist im digitalen Jetzt eine gängige Kunstform geworden. Am Beispiel der Debatte um die Elektropop-Band Kraftwerk und den Musikproduzenten Moses Pelham, der 1997 zwei Sekunden einer Rhythmussequenz aus einem Track der Band gesampelt hatte und dies letztendlich vor Gericht als Kunstfreiheit akzeptiert wurde, zeigt sich: Das Zusammenschneiden, das Mixen und "Pitchen" hat seine - wenn auch umstrittene - Berechtigung in der digitalen Kunst. Bilder, Worte, Klänge und Techniken werden via "Copy and Paste" oder "Drag and Drop" neu zusammengesetzt - als Collage, Sample oder digitaler Flickenteppich.

"Die Ausstellung soll keine Antworten auf die in dieser Debatte aufkommenden Fragen geben, sondern dazu anregen, über eigene Positionen nachzudenken und die Welt des digitalen Remixes zu erleben", sagt der Kurator Benjamin Jantzen. Mehr als 40 Arbeiten aus 20 Ländern wurden für die Ausstellung eingereicht. "Bei der Auswahl ging es mir besonders um die jeweilige technische Umsetzung und darum, dass die einzelnen Werke sich in eine Dramaturgie einordnen lassen", erklärt Jantzen. Der Mannheimer VJ und Medienkünstler wird in der Whitebox auch langfristig als Kurator für Neue Medien tätig sein.

Gezeigt werden zwölf Arbeiten, die diese Dramaturgie erkennen lassen, aber auch unabhängig voneinander das Prinzip Remix vielseitig aufgreifen. "Refait" ist ein detailverliebter Re-enactment-Film des Künstlerkollektivs Pied la Biche, in dem die letzten 15 Minuten des Spiels Frankreich-Deutschland bei der Fußballweltmeisterschaft 1982 in urbanem Raum wieder zum Leben erweckt werden: Auf zwei Bildschirmen sieht man parallel zu den Originalaufnahmen das "Remake" der Künstlergruppe, die jede noch so kleine Bewegung exakt kopiert.

Die US-amerikanische Medienkünstlerin Kasumi zeigt mit "Shockwaves" eine Filminstallation aus 25 000 Bildern Found Footage, deren schnelle Schnitte und Bildüberlagerungen gleichzeitig Unbehagen und Spannung erzeugen. Als interaktives Experiment überträgt "Translation" von Stefano d'Alessio und Martina Menegon aus Wien den Raum in den Raum, erzeugt einen "Remix des Remix'". Eine Kamera filmt und scannt die Umgebung. Die Pixelzeilen werden auf einem Monitor sichtbar und in Klang umgewandelt, den ein Lautsprecher in den Raum überträgt. Dort mischt er sich mit anderen Geräuschen, wird von einem Mikrofon erneut aufgezeichnet und wieder in Videobilder umgewandelt. Steht man vor der Kamera, wird einmal mehr deutlich: Alles ist ein Remix - auch der Betrachter selbst.

Everything Is A Remix, Whitebox, Atelierstr. 18, bis 7. August, Mi. bis So., 10 bis 19 Uhr, Performance-Termine: www.whitebox-muenchen.de