Kulturgeschichte Wem gehört mein Leben?

Wie sich die "Werther-Seuche" ausbreitete: Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho erzählt die Geschichte des Selbstmords von der Sterbehilfe bis hin zum Attentat als ein wichtiges gesellschaftliches Leitmotiv in der Moderne.

Von Georg Klein

Nur wir können es tun. Nicht einmal die Primaten, in deren Schädeln wahrscheinlich ein dem unseren ähnliches Bewusstsein spukt, sind gleich uns in der Lage, jenem Tod, der sie als Schicksal aus der Weite der Umwelt oder aus der Tiefe des Körpers ereilen wird, willentlich zuvorzukommen. Kein Wunder, dass der Suizid denjenigen, die das menschliche Dasein und sein Ende für bedenkenswert halten, immer wieder zu einem Angelpunkt ihrer Überlegungen geworden ist. Und wer hiervon viel gelesen hat, könnte der Versuchung erliegen, sich aus den schönen Funden, die sich schon bei den Vorsokratikern, den Stoikern oder den Kirchenvätern machen lassen, eine historische Reflexionsspirale zu basteln, die sich über Einfluss, Nachfolge oder Gegenrede bis in unsere Tage hinaufdreht.

Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho verfährt anders. Obwohl er sich nicht scheut, auf Anaximander oder Seneca oder gar auf die fernen altindischen Veden zu verweisen, obschon er diejenigen zu Wort kommen lässt, die dem Suizid in neuerer Zeit große wissenschaftliche oder essayistische Darstellungen gewidmet haben, wie Émile Durkheim oder Jean Améry, erspart er sich den Ehrgeiz, eine säuberlich gereihte chronologische Darstellung der bisherigen Suiziddiskurse aus Philosophie, Soziologie oder Psychologie vorzulegen. Eigentlich schlägt Macho nur einen einzigen Pflock in den Treibsand der Geschichte: Irgendwann im 18. Jahrhundert hebt an, was wir Moderne nennen, eine Epoche, die durch gewaltige Veränderungsschübe alles bislang Geschehene zu ihrer Vorzeit erklärt und uns als eine unkontrollierbare Woge in die Zukunft trägt.

"So erscheint der Selbstmord als die Quintessenz der Moderne", behauptet Walter Benjamin in seinem Passagenwerk, und Macho stellt dieses wuchtige Statement als Motto vor das erste Kapitel seines Buches. Aber bereits eine Seite weiter heißt es in seinen eigenen Worten deutlich vorsichtiger: "Die Frage nach dem Suizid ist ein zentrales Leitmotiv der Moderne". Und ein Beispiel, das am Ende seines Buches wiederkehrt, macht deutlich, worum es ihm vor allem gehen soll: " ... in gewisser Hinsicht beginnt die Umwertung des Suizids im Jahre 1751, als Friedrich II. in Preußen die Suizidstrafen, übrigens in Anwesenheit Voltaires, aufhebt."

Die inneren und äußeren Gründe, die Motive und Zwangslagen, die einen Menschen in den Selbstmord führen, sollen ebenso zurücktreten, wie die Techniken, mit denen man sich zu entleiben pflegt. Das Warum und das Wie machen der Frage Platz, welchen Stellenwert die Gesellschaft dem Phänomen Suizid zuspricht. Macho richtet den Blick hierzu auf das, was er "kulturelle Felder" nennt. Der Moderne, die in unser Jetzt verschwimmt, stellt er ein andersartiges "Davor" gegenüber. Zum Prüfstein der Unterscheidung wird die Frage: "Wem gehört mein Leben?"

Thomas Macho: Das Leben nehmen – Suizid in der Moderne. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 531 Seiten, 28 Euro. E-Book 23,99 Euro.

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Dahinter verbirgt sich wie ein graugesichtiger Doppelgänger vor allem das empirisch nüchterne "Ist der Suizid erlaubt oder verboten?". Denn die Vormoderne erzählt eine Jahrhunderte währende Geschichte der religiösen, moralischen und rechtlich festgeschriebenen Ächtung des Freitods. Macho kann an wahrlich erschütternden Beispielen zeigen, wie die Überzeugung, Selbsttötung und Beihilfe zum Selbstmord müssten hart geahndet werden, zu brachialen Zwangsmaßnahmen führt. Kirche, Obrigkeit und verwandtschaftliche Verbände erheben den Anspruch, über das Leben des Einzelnen zu verfügen. Die Anfänge dieser rigiden Besitznahme verlieren sich über viele, zuletzt nur noch spekulativ umtastbare Stufen im prähistorischen Dunkel der Frühzeit menschlicher Kultur. Und die pauschale Behauptung, zumindest heutzutage gehöre doch ein jeder sich selbst, Macho vermerkt dies mit Bitternis, "wirkt lachhaft hilflos gegenüber den Eigentumsvorbehalten von Familien, Kirchen, Staaten, Armeen, Konzernen oder Syndikaten".

Die Wende, die sich in der Moderne vollzieht, ist also keine absolute, und auch die Vormoderne machte ihre Ausnahmen. Unter bestimmten Umständen war es in der Antike und im Mittelalter durchaus erlaubt, den Tod zu suchen, aus verlorener Ehre etwa oder als heroisches Selbstopfer im Krieg. Und das Christentum, das den Suizid als Frevel gegen das Gottesgeschenk des Lebens mit besonderer Schärfe verurteilt, liefert im Märtyrertum und in der exemplarischen Bereitwilligkeit, mit der Jesus den Kreuzestod anstrebt, nahezu paradoxe Gegenbeispiele.

Macho schlägt vor, zwischen "suizidfaszinierten" und "suizidkritischen Epochen und Kulturen" zu unterscheiden. Während letztere den freiwilligen Tod tabuisieren, abwerten und mit Sanktionen gegen den überlebenden Selbstmörder oder seine Helfer vorgehen, sind "Suizidkulturen" dadurch gekennzeichnet, dass sie der Selbsttötung große Aufmerksamkeit schenken, den Akt in einer Fülle von Erzählungen und Bildern ausgestalten und den Akteur zumindest respektieren, wenn nicht sogar bewundern und idealisieren.

In der Moderne wächst diese Faszination kontinuierlich an, bis man von einem Prozess weitgehender Umwertung sprechen kann. Sogar die jüngste Form, den Suizid negativ zu markieren, seine Pathologisierung durch Psychiatrie und Psychologie, verliert mittlerweile zügig an Boden. Wie lässt sich von diesem Wandel erzählen? Macho betrachtet hierzu kulturelle Territorien unterschiedlicher Größe und Dichte. Er beginnt mit der Auseinandersetzung, die sich europaweit um Goethes Werther-Roman entspinnt. Goethe verarbeitet einen zeitgenössischen Selbstmordfall. Sein Buch endet damit, dass sich der Titelheld erschießt. Bald wird dem Dichter vorgeworfen, er habe mit seinem Roman eine "Werther-Seuche" in die Welt gebracht.

In der Tat lässt sich eine zweistellige Zahl von Suiziden anführen, denen eine Lektüre des Buches vorausgegangen ist. Die Vorstellung einer tödlichen Ansteckung hat nach Macho ihre Wurzel in den mörderischen Seuchen, die Europa Jahrhunderte lang in ihren Bann schlugen und deren bakterielle Ursachen noch über Goethes Zeit hinaus in einem rätselhaften Dunkel blieben. Die Rede vom Selbstmord infiziert sich gewissermaßen an den großen Krankheitsdiskursen des Mittelalters und der Neuzeit. Und als Medium der Ansteckung, als Vehikel der fatalen Neigung fungiert das Wort. Diese Einbettung des Suizids in ein "Ansteckungs-Dispositiv" wirkt bis heute weiter, wenn Filme oder Computerspiele als mögliche Einflussfaktoren bei jugendlichen Selbstmorden diskutiert werden. In der Furcht vor der Nachahmung lebt die Vorstellung einer unkontrollierbaren Infektion fort.

Nicht nur zu Mord und Totschlag, auch zum Suizid gehören zwei. Jede reflexive Rede, bei der ein Selbst sich selbst tötet, verschleiert den eigentümlichen Umstand, dass es doch stets einen mehr oder minder rabiat Handelnden als Subjekt und einen Erleidenden als Objekt gibt, wenn einer sich den Revolver an die Schläfe drückt oder die tödliche Dosis eines Medikaments schluckt. Schon der Titel von Thomas Machos Buch schneidet der festen Redewendung vom Sich-das-Leben-Nehmen das "sich" ab und verwandelt das Selbstverständliche damit in etwas drängend Fragwürdiges. Wenn in der Moderne weder an Gott noch an der Obrigkeit, weder an Staat, Volk, Sippe oder bürgerlicher Familie ein Raub verübt wird, wie ist dieses "Nehmen" dann zu verstehen?

Macho konstatiert eine "Aufspaltung oder Verdoppelung des Subjekts", die in allen modernen Suiziddiskursen aufscheint, in besonders anrührender Form in den Abschiedsbriefen von Selbstmördern, einer Textform, die erst ab dem 18. Jahrhundert in größerer Zahl auftaucht. Neben der Leiche eines schlichten Handelsvertreters fand sich die erstaunliche Notiz: "Somebody had to do it. Self awareness is everything. (Jemand musste es tun. Selbsterkenntnis ist alles.)" Hier schwingt zweifellos mehr mit als das Auseinandertreten von Täter und Opfer. Einer, der etwas Grundsätzliches bedacht hat und zuletzt noch mitteilen will, tritt neben den, der die finale Handlung vollzieht. Und die Niederschrift macht dieses Auseinandertreten zu einem auch für andere bedenkenswerten Umstand.

In gekonnter Nacherzählung, in klug gesetztem Zitat, in genauem Bedenken und mit Empathie erhellt Macho ein Leitmotiv unserer Kultur

Macho spricht, Michel Foucault folgend, von einer "Selbsttechnik" des Suizids. Foucault ist der Überzeugung, eigentlich müsse jeder ein Leben lang an seinem zukünftigen Selbstmord arbeiten und diesen schließlich wie ein Fest oder eine Orgie begehen. Thomas Macho geht nicht so weit, dem zuzustimmen. Aber wer ihm von den Fin-de-Siècle-Suiziden zu den Selbstmorden in die Schule und an andere Orte des Suizids gefolgt ist, wer gelesen hat, wie der Freitod in der modernen Philosophie diskutiert oder in den Künsten zum Bild wird, kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass auch in Machos Darstellung etwas gefeiert wird. In gekonnter Erzählung und Nacherzählung, in klug gesetztem Zitat, in genauem Bedenken, und in seinen gewagt weit gezogenen Abschweifungen ehrt Macho mit großer Empathie all diejenigen, die ihr Leben ergriffen haben, um es willentlich zu beenden.

Kann ein Buch zugleich sympathisch und gefährlich sein? Wer an seine letzte Seite gelangt ist, wird bedauern, dass es sich nicht einfach fortschreibt. Denn gerade die dichte Reihung der oft überraschenden, nicht selten schmerzlichen Exempel und die Fülle der nicht immer lichten, sondern gelegentlich faszinierend finsteren Gedanken führen auf eine paradoxe Weise in den Wunsch, diese mäandernde Rede vom selbstbestimmten Ende möge selbst keinen Abschluss finden.

Der vollzogene Suizid lässt sich nicht wiederholen. Aber die Anziehungskraft, die wir empfinden, wenn wir ihn als Option bedenken, zieht uns mit etwas Glück in eine zentrifugale Bewegung, die das dunkle Objekt unseres Begehrens immer aufs Neue umkreist, ohne den Sprung in die Finsternis allzu früh zu erzwingen.