Kulturgeschichte Revolte hinter Glas

Jimi Hendrix, Che Guevara und "Make love, not war": Sie sind alle da. In London wird der Utopismus der Sechzigerjahre gefeiert. Leider auf ziemlich museale Weise - mit dem nostalgischen Blick zurück.

Von Alexander Menden

Es ist schwer, sich eines unbestimmt wohligen Gefühls der Nostalgie zu erwehren, wenn man die Ausstellung "You say you want a Revolution?" besucht hat. Es war vielleicht nicht alles perfekt in den Sechzigern, dankt man, aber es war immer noch besser als jetzt. Wem würde nicht warm ums Herz bei der Rückschau auf die Zeit zwischen 1966 und 1970, welche die Ausstellung des Londoner Victoria & Albert Museums hält? Es war doch jene Zeit, in der Krieg mit Musik bekämpft und Minderheitenrechte erstritten wurden. Da ist man allerdings schon mittendrin in der Mythologie, die die prägende Generation jener Zeit, ob man sie nun Baby-Boomer oder Achtundsechziger nennt, seither um ihre nur ein paar Jahre währende Glanzzeit herumgebaut hat - indem sie diese endlos beschwor und recycelte.

Jimi Hendrix, Michael Caine, Twiggy, die Stones... sie sind alle da. Und alle sind sie müde

Das V&A hat mit seinen Sonderschauen unter dem im November überraschend aus dem Amt geschiedenen deutschen Direktor Martin Roth eine entschieden popkulturelle Richtung eingeschlagen: Hollywood-Kostüme, David Bowie, Alexander McQueen waren durchgehend beispiellose Kassenschlager für ein Haus, das lange als höchstkarätige Rumpelkammer der Welt durchging. Und obwohl viele von diesen Ausstellungen bereits geplant waren, bevor Roth sein Amt antrat, ist die "Revolution"-Ausstellung eine durchaus passende Abschiedsveranstaltung für einen Direktor, der auch die politische Verantwortung der Museen besonders gegen Ende seiner Ägide immer stärker betont hat.

Wie üblich bei den Riesenausstellungen des V&A ist die Masse an Exponaten kaum bei einem Besuch zu bewältigen - besonders, da sie, ganz im Geist der Ära, mehr oder weniger hierarchielos nebeneinanderstehen: Da ist der von Ted Lapidus designte Anzug, den John Lennon beim Überqueren des Abbey-Road-Zebrastreifens trug, da ist der Brief eines Soldaten in Vietnam an seine Familie oder der Nachbau des ersten Vidal-Sassoon-Studios samt Friseurin und Haar-Model (auch die Haarmode war damals laut Katalog Ausdruck kreativer Anarchie). Es gibt unzählige psychedelische Pop- oder Agitprop-Poster, Plattencover, Handzettel und Zeitschriften, "Make love, not war"-Buttons und Bücher von Kate Millets "Sexual Politics" bis zu Timothy Learys LSD-Bibel "The Psychedelic Experience". In einer begleitenden Kassettenaufnahme beschreibt ein LSD-Fan seine wenig verlockende Erfahrung mit der Droge so: "Es ist, als würde man einen Rorschach-Test machen und dabei plötzlich zerquetschte Hoden erkennen."

Natürlich sind die Ikonen der Zeit, Jimi Hendrix, Michael Caine, Twiggy, die Stones, vollzählig fotodokumentarisch versammelt. Der hohe, wenn auch mittlerweile großenteils sinnentleerte Wiedererkennungswert von Che Guevaras Konterfei oder Robert Indianas "Love"-Siebdruck wird voll ausgespielt. Filmclips buhlen überall um die Aufmerksamkeit des Besuchers. Darunter sind Dokumentaraufnahmen von Straßenschlachten zwischen amerikanischen Bürgerrechtlern und Polizei, und eine angemessen ohrenbetäubende Auswahl von Woodstock-Auftritten. Wen solche Details interessieren, der kann im gleichen Raum die originale Cateringliste für das berühmteste Musikfestival aller Zeiten studieren. Die vom Sponsor zur Verfügung gestellten Funk-Kopfhörer, die jeder Besucher bekommt, erfassen per Sensor, vor welchem Ausstellungsstück man gerade steht, und liefert die passende Klanguntermalung.

Die komplette sensorische Überlastung mag Programm sein - als sei man mitten in die heißeste Phase der späten Sechziger gefallen und wisse nun kaum, wohin man blicken soll, weil damals eben alles, aber auch alles, zugleich politisch relevant, sexy und zukunftsweisend war. Dabei steht diese Reizüberflutung im Dienst einer erstaunlich einfachen Grundidee: Dass die Sechziger ein einziges, letztlich erfolgreiches Ringen unaufhaltsamer, jugendfrischer Kräfte des Wandels mit der etablierten Ordnung waren. Stellenweise unterläuft die Ausstellung dieses Konzept, wenn sie etwa die nahtlose kommerzielle Aneignung vermeintlicher sexueller Befreiung dokumentiert: Ein Model, das eine Kreditkarte in ihr Bikinihöschen gesteckt hat, stolziert durch Swinging London, begleitet vom Slogan "Alles, was ein Mädchen braucht, wenn es shoppen gehen will". (Tatsächlich durften Frauen in Großbritannien erst von 1973 an Kreditkarten ohne Einwilligung ihres Ehemannes benutzen.)

Kritik am ebenfalls aus den Sechzigern hervorgehenden Konsumboom wird also zumindest angerissen. Doch es bleibt unerwähnt, was später aus manchem Helden der vom V&A so gefeierten Revolution wurde. Roger Daltrey, dessen fransenbehanges Woodstock-Bühnenkostüm ein Highlight der Schau ist, schloss sich vor dem diesjährigen EU-Referendum den radikalsten Brexit-Befürwortern an. Der Black-Panther-Aktivist Eldridge Cleaver wird in London für seinen Werdegang vom "Gefängnisinsassen zum politischen Revolutionär" gefeiert, wobei allerdings unterschlagen wird, dass er unter anderem wegen Vergewaltigung im Gefängnis saß und in den Achtzigerjahren als rechtskonservativer Republikaner erfolglos für den US-Senat kandidierte.

Ob Putin oder Trump, ob Polen oder Ungarn: Die Reaktion beherrscht heute das Feld

Unklar bleibt auch, worin genau die von den Kuratoren diagnostizierte "Ironie" des gaullistischen Wahlsiegs in Frankreich nach den Unruhen im Pariser Mai von 1968 lag. War sie nicht gerade auch eine Reaktion auf die Studentenrevolution? Im Beatles-Song, dem die Ausstellung ihren Titel verdankt, singt John Lennon: "We all want to change the world." Die Kräfte, die sich derzeit anschicken, die Welt ebenso radikal zu verändern, wie es die Achtundsechziger taten, wurzeln in einer aggressiv nostalgischen Weltsicht, die in vielerlei Hinsicht der genaue Gegenentwurf zu den sozialen Umwälzungen der späten Sechzigerjahre sind. Die Reaktion beherrscht das Feld, sei es in Putins Russland, Trumps Amerika oder in den stramm rechts regierten Ländern Europas. Dieser Entwicklung stellt die Ausstellung keine Aufforderung zum Handeln entgegen, sondern ihre eigene Form von Nostalgie, den sehnsüchtigen Blick zurück.

You say you want a Revolution - Records and Rebels 1966 - 1970 im Victoria & Albert Museum, London, bis 26. Februar 2017. Info: www.vam.ac.uk, Katalog 40 Pfund.