Kulturgeschichte Information, Begierde, Zirkulation

Anton Tantner hat die Geschichte der "Suchmaschinen" des 17. Jahrhunderts erforscht.

Von Steffen Martus

Auch wenn uns dieser Gedanke noch immer befremdet: Mangelgesellschaften sind der historische Normalfall. Die Menschheit stellte daher in der längsten Zeit ihrer Geschichte die Bedürfnisse auf endliche Ressourcen ein. In der Frühen Neuzeit wurde diese Grundhaltung fest verankert, indem etwa die Stände definierten, welche Kleidung angemessen war, wie aufwendig oder bescheiden man Gäste bewirten durfte, wie viele Worte in Komplimenten verausgabt werden sollten oder welche finanziellen Hoffnungen und Ängste man zu hegen hatte. Kombiniert mit Geschlechterrollen, konfessionellen Normen oder lokalen Usancen ergab sich daraus die "gute Ordnung".

Die Freiheit wird mit Daten bezahlt, die Kontrolle ermöglichen

Um solche wohlgehegten Bedürfnisse besser zu befriedigen, gründete Théophraste Renaudot zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Paris eine neue Institution, eröffnete im Frühjahr 1630 das erste "Bureau d'adresse". Es vermittelte Dienstkräfte oder Arbeitsplätze, regelte Angebot und Nachfrage für Unterkünfte, Bekleidung, Nahrung, medizinische Versorgung sowie Waren aller Art und diente auch als Pfandleihe oder Kreditinstitut. Renaudot veranstaltete sogar Vortragsabende und publizierte die Beiträge, organisierte mithin eine kleine Akademie der Wissenschaften in seinen Räumen. Das Modell machte - zögerlich, aber doch stetig - Schule. In Berlin wurde 1689 das erste deutsche Adressbüro privilegiert und einige Zeit später auch eröffnet.

Der Wiener Historiker Anton Tantner hat nun die Geschichte dieser Institutionen geschrieben. Er zeigt, wie die "ersten Suchmaschinen" die sozialen Beziehungen "medialisierten". Wo zuvor "persönliche Netzwerke und Klientelbeziehungen" die Dienste anderer Menschen oder Warenangebote vermittelten, sorgte jetzt ein öffentliches und anonymes Medium für Gesellschaftsverkehr. Die sozialen Kontaktzonen dehnten sich auf eine bislang unerhörte Weise aus. Dies war jedoch nur die eine Seite. Auf der anderen Seite reglementierten die Adressbüros die sozialen Beziehungen: Sie dienten etwa der Suche nach verschollenen Personen; und wer sich als Dienstbote verdingen wollte, musste immer umfänglichere Angaben über seine Familienverhältnisse, seinen Leumund oder seine bisherige Arbeit machen. Zwar wurde die Idee, Adressbüros als eine frühe Form des Einwohnermeldeamts zu nutzen, so gut wie nie realisiert. Dennoch zeichnet sich ein bis heute gültiger Kippmechanismus ab: Die Freiheit des Konsums und Kontakts wird mit Daten bezahlt, die genauere Kontrolle ermöglichen.

Die Such- und Ordnungsmaschinen setzen zum Endspurt an - Alan Turing, verkörpert von Benedict Cumberbatch im Film "The Imitation Game".

(Foto: square One)

Tantner versteht seine Untersuchung als "Teil einer Vorgeschichte heutiger Internet-Suchmaschinen". Dieser "kontrollierte Anachronismus" könnte in der Tat weiterhelfen - allerdings nur dann, wenn man reflektiert, was Google & Co. über unsere Gesellschaft und ihre Mentalität aussagen. Von der Studie, die sich im Wesentlichen damit begnügt, eine Reihe von ziemlich ähnlichen Etablissements zu beschreiben, hätte man sich hier mehr Deutungsmut gewünscht.

Für die Adressbüros in der frühneuzeitlichen Gesellschaftsordnung scheint es zunächst bezeichnend, dass sie in erster Linie die vorhandene Nachfrage bedienen wollten. Die alten "Suchmaschinen" fügten sich in die "gute Ordnung" ein und definierten sich immer auch als Medium der "Policey", etwa zur Armuts- und Verbrechensbekämpfung oder als Instrument zur Bekanntmachung von Verordnungen. Aber gerade solche Policey-Verordnungen zeigten ein Doppelgesicht: Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert ergoss sich eine anschwellende Flut von Anweisungen und Gesetzen über die Bevölkerung. Sie regelten die Bekleidung, den Straßenverkehr, die Hygiene, das Verhalten auf öffentlichen Flächen oder den Umgang mit Lebensmitteln und anderen Gütern. Zugleich kam es dadurch immer wieder auch zu Vorschriften, die vorschrieben, wie Vorschriften einzuhalten seien. Und zu solchen, die zur Einhaltung der Vorschriften zum Einhalten von Vorschriften aufriefen.

Diese Regulierungswut wies damit zum einen auf bestehende Muster hin. Zum anderen belegte sie, dass die Ordnung der Dinge sich veränderte, ins Wanken geraten war und neue Visionen für eine Welt benötigte, deren Ordnung durch Wandel nicht gestört, sondern erhalten wurde. Mit anderen Worten: Es erschien allmählich plausibel, sich nicht mehr als Teil einer Mangelgesellschaft zu beschreiben, die eine fest arrondierte Struktur aufwies, sondern als Element einer Überflussgesellschaft, die sich die Befreiung und Steigerung der Bedürfnisse auf die Fahnen schrieb. Genau diese Entwicklung forcierten die Adressbüros. Bereits der Gründervater, Théophraste Renaudot, meinte, Unwissenheit verhindere Begehren, weil man sich nur dann etwas wünschen könne, wenn dessen Existenz bekannt sei und dadurch die Besitzlust errege. Informationen, so verkündete zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein Frankfurter Intelligenzblatt, lockten "die Begierden der Menschen an . . ., dasjenige zu kauffen, oder zu verkauffen . . ., was sie sonsten wohl nicht würden gethan haben, wann sie davon keine Nachricht bekommen hätten" - Wissen um Angebote, also um möglichen Besitz, bringe "sowohl die Waaren, als das Geld in Circulation".

Anton Tantner: Die ersten Suchmaschinen. Adressbüros, Fragämter, Intelligenz-Comptoirs. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2015. 173 S., 19,90 Euro.

Wenn Bedürfnisse über den Normalfall hinaus erregt werden sollen, dann muss man mit Menschen in Kontakt kommen, die man unter normalen Bedingungen nie getroffen hätte. Man muss Fantasien entwickeln, was man haben könnte, auch wenn man es bislang noch nie gebraucht hat. Man muss von Menschen und Dingen erfahren, die den eigenen Bedürfnishorizont erweitern. Darin nun scheint die tiefere Beziehung zwischen den Adressbüros der Frühen Neuzeit und unserem digitalen Zeitalter zu liegen: Gewiss werden jeweils "Suchen" und "Finden" auf eine neue Weise koordiniert. Das erledigen Suchmaschinen oder soziale Plattformen jedoch mittlerweile weitgehend kostenfrei und nebenbei. Die eigentliche Pointe an Google, Facebook, Amazon & Co. besteht darin, dass Geld nicht mit der Befriedigung vorhandener Bedürfnisse verdient werden soll, sondern mit der Erregung neuer Sehnsüchte: "Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch . . ."

Es gab einmal eine Zeit, in der wäre "Shoppen" eine irrwitzige Beschäftigung gewesen

Die Geschichte der Adressbüros ist daher interessant, weil sie zeigt, wie die "ersten Suchmaschinen" erfunden wurden und wie erfolgreich diese Prototypen letzten Endes waren. Und sie belehrt darüber, wie stockend die Karriere der Suchmaschinen verlief. Offenbar gab es eine Zeit, in der man einfach keinen Bedarf an Dingen sah, von denen man nichts wusste. "Shoppen" wäre für eine solche Kultur eine irrwitzige Beschäftigung gewesen. Man hatte Besseres zu tun. Anton Tantner informiert uns mithin nicht einfach nur über die Vorgeschichte unserer Gegenwart, sondern auch darüber, dass es anders sein könnte.