Kultur Mit dem Auto in die Ausstellung

Den urbanen Raum neu erleben: Auf der Verkehrsinsel am Lenbachplatz wird Kunst gezeigt. Aktuell ist hier Peggy Meinfelders Arbeit "Shake Hands" zu sehen

Von Evelyn Vogel

Fünf mal fünf Meter, das ist die Vorgabe. In diesem Format verwirklicht das Kulturreferat seit nunmehr zwei Jahren auf der öden Verkehrsinsel im städtischen Raum, genannt Lenbachplatz, eine Kunst-Insel. Auf fünf mal fünf Meter großen Plakaten insgesamt mehr als zehn Meter hoch über den Köpfen der Passanten realisieren die Künstler ihre Vorstellungen, um den einstigen Pracht-Platz in der Stadt für Passanten wieder als urbanen Raum wahrnehmbar zu machen. Seit wenigen Tagen ist dort das Werk "Shake Hands" von Peggy Meinfelder zu sehen.

Der Digitaldruck einer vielfach vergrößerten Tuschearbeit basiert auf einem Foto, das Franz Josef Strauß und Alexander Schalck-Golodkowski am Rande von Verhandlungen über einen Milliardenkredit für die DDR Mitte der Achtzigerjahre zeigt. Nun kennt man den Ex-Ministerpräsidenten Bayerns hierzulande natürlich bestens, und sein 100. Geburtstag, den er gerade gehabt hätte, war auch Anlass für diese Arbeit. Aber Schalck-Golodkowski? Den Jüngeren dürfte er unbekannt sein - es sei denn, man wuchs in Rottach-Egern am Tegernsee auf, wo der einstige "Schattenmann" und "Devisenbeschaffer" des DDR-Regimes zuletzt wohnte. Meinfelders Arbeit erinnert an zwei Menschen, die das Schicksal der beiden deutschen Staaten für einige Jahre massiv mitbestimmt haben. So nähert sich Meinfelder, die 1975 in Thüringen geboren wurde und heute in München lebt, einem Stück deutsch-deutscher Geschichte.

Die erste Arbeit auf der Kunst-Insel war Teil der Reihe "A Space Called Public " zu Kunst im öffentlichen Raum, die von dem Künstlerduo Elmgreen & Dragset kuratiert worden war. Sie präsentierte den amerikanischen Pop-Art-Künstler Ed Ruscha. Von Juni bis Oktober 2013 stand sein Plakat, eine Berg-Collage mit der Aufschrift "Pay Nothing Until April", am Lenbachplatz. Die Arbeit erinnerte vom Typus her an ein Werbeplakat. Wahrgenommen wurde das Plakat kaum. Und wenn doch, dann so, wie Ruscha das oft in seinen Arbeiten thematisiert: als Banalisierung städtischen Lebens.

Es brauchte einige Arbeiten, bevor die Aktion sich in die Köpfe der Menschen einschlich. Zumindest jene, die dort oft vorbeikommen, schauen nun gelegentlich hin, was gerade los ist. Noch im gleichen Jahr realisierte Stephan Dillemuth sein "Selbstporträt als blauer Akt". Der Kunstpreisträger der Stadt München spielte damit an auf den Roman "Erfolg" von Lion Feuchtwanger, der sich wiederum auf Kirchners "Akt auf blauem Grund" bezog. "Heat is a form of motion - das Rumford-Labor" hieß die Arbeit von Martin Fengel, die dieser von April bis November 2014 zeigte. Das Werk war Teil des Kunstprojekts "Rumford-Labor". Das erinnerte mit zahlreichen künstlerischen Beiträgen an verschiedenen Orten in München an den 200. Todestag des Erfinders und Reformers Sir Benjamin Thompson, besser bekannt als "Graf Rumford", der die Kartoffel populär machte und den Englischen Garten in München initiierte. Im Winterhalbjahr 2014/15 war die Arbeit "Homo Alpinus" des in Italien geborenen, in München lebenden Künstlers Stefano Giuriati zu sehen. Im Frühjahr folgte die "Dreiarmige Frau" von Susanne Steinmaßl. Die Chiemgauerin, die an der HFF studierte, ließ das Hauptmotiv aus dem Trailer des Festivals "Kino der Kunst" auf die Menschen herunterschauen. Es war in seiner wahrhaft plakativen Art eine der Arbeiten, die bis dahin am intensivsten wahrgenommen wurden.

Nach so viel Klarheit in der Form setzte die Arbeit "Wertstoff" des Münchner Künstler Markus Heinsdorff einen Kontrapunkt. Das mehrfach belichtete Foto zeigte entsorgte Dinge im Container und stand in einer Reihe von Kunstaktionen Heinsdorffs, der er den Untertitel gegeben hatte: Über das Glück und Unglück des Sammelns. Nicht ganz so verwirrend, aber auch ein gutes Stück weit abstrakt war das Plakat einer optischen Illusion, die uns den Sommer über begleitete: "hide and seek" von Angela Stauber. Sie ging in der holzschnittartigen Darstellung des gegenüberliegenden Palais der Frage nach, "was man sehen kann und was zu Erkenntnissen führt". Ob fünf mal fünf Meter über den Köpfen der Menschen reichen, um zu künstlerischen Erkenntnissen im Stadtraum zu gelangen? Das Kulturreferat ist davon überzeugt und will das ursprünglich temporäre Format dauerhaft bespielen.

Peggy Meinfelder: Shake Hands, Kunst-Insel am Lenbachplatz, bis 1. November