Künstler Gerhard Richter Rausgeworfen und aufgehängt

Familienporträts malt er gerne. Die Öffentlichkeit bekommt sie aber nur selten zu Gesicht. Jetzt stellt der Maler Gerhard Richter das Porträt seiner Tochter Ella in London aus.

Von Stefan Koldehoff

Die Mitglieder seiner Familie zu malen, hat für Gerhard Richter eine lange Tradition. Der berühmte verschwommene "Akt auf einer Treppe" von 1966, als geniales Spiel mit Bild und Abbild heute eines der Hauptwerke der deutschen Nachkriegskunst, zeigt Richters erste, damals schwangere Ehefrau Ema Eufinger. Von der gemeinsamen Tochter Betty gibt es ein berückend schönes Kinderbildnis, das ihren liegenden Kopf mit rotem Kleiderrand und roten Lippen zeigt. Die Zehnjährige blickt den Betrachter aus blauen Augen direkt an. Als es im Rahmen der vergangenen Documenta in Kassel ausgestellt wurde, war zu sehen, dass das Bild auch nach dreißig Jahren noch modern und kraftvoll geblieben ist. Elf Jahre nach dem Kinderbild malte der Vater seine Tochter erneut, diesmal als junge Frau mit abgewandtem Kopf und rot-weiß gemusterter Jacke fast von hinten.

Gerhard Richter Künstler Gerhard Richter

Gerhard Richters "Ella" ist nun erstmals in der National Portrait Gallery in London zu sehen.

(Foto: Foto: Atelier Richter)

Die Plastikerin Isa Genzken, mit der Richter bis 1994 verheiratet war, ist Gegenstand mehrerer Bilder gewesen. Fotos seiner dritten Frau, der Malerin Sabine Moritz, waren unter anderem die Vorlagen für mehrere in Form und Positur klassische Halbakte. 1995 malte er sie dann unmittelbar nach der Geburt des Sohnes Moritz in der achtteiligen Bilderfolge "S. mit Kind" beim Kuscheln, beim Stillen und als beinahe klassische Madonna in Dreiviertelansicht. Auch diese Gemälde entstanden nach Fotos, die von Richter selbst aufgenommen wurden.

Von einer Selbstentblößung sprach Richter selbst damals, als diese und die kleineren, teils stark verwischten Bildnisse, die den Brei löffelnden Säugling allein zeigen, ein Jahr später in einer Ausstellung in Nîmes zum ersten Mal zu sehen waren. Damals zeigte er auch das erste gemalte Selbstbildnis, das jemals sein Atelier verließ.

Ein Stück privates Glück

Tatsächlich gab Richter mit diesen Darstellungen seines unmittelbaren Lebensumfeldes nicht allein ein Stück privates Glück der Öffentlichkeit preis. Familienbildnisse malte außer ihm kaum noch ein bedeutender Künstler. Von der Tradition, in die er sich dadurch stellte, distanzierte sich Richter aber auch gleich wieder mit malerischen Mitteln. Wo die Bilder zu süßlich wirkten, schabte er die Farbe mit Spachteln wieder ab. Abgemalte Blitzlichtreflexe und harte Schlagschatten machten das Bild zu dem, was es nur war: ein Bild - kein Programm, kein Bekenntnis.

Auch mit der Zurschaustellung seines jüngsten Familienporträts hat Gerhard Richter mehr als ein Jahr lang gewartet. Ende Februar wird das nur 40 mal 31 Zentimeter große Bild, das schon 2007 entstand und seine Tochter Ella Maria abbildet, zum ersten Mal in einer großen Ausstellung von Richters Porträts in der National Portrait Gallery in London zu sehen sein. Vorher hatte es nur für einige Wochen die Marian Goodman Gallery in New York ausgestellt.

Anders als ihre Geschwister blickt das Mädchen auf seinem Porträt den Betrachter nicht an. Der Kopf ist nach unten geneigt, der angedeutete Scheitel sichtbar, das zarte Gesicht nur zu erahnen. Eine pinkfarbene Bluse nimmt fast die gesamte untere Hälfte der Leinwand ein. Demut und Anmut halten sich die Waage. Und anders, als auf Gerhard Richters Familienbildnissen der vergangenen Jahrzehnte bleibt diesmal trotz aller Offenheit ein Rest an Intimität gewahrt. Irgendwann, hat Richter einmal gesagt, müssten seine Bilder dringend sein Atelier verlassen, um draußen zu zeigen, ob sie sich halten können. Für das Bildnis seiner jüngsten Tochter hat er diese Entscheidung nun getroffen. Vom 26. Februar an ist das Gemälde in London zu sehen.