Krimi und Rechtspopulismus Sprache der Gewalt

In dieser Nacht übernimmt eine rechte Bewegung die Regierung in Frankreich. Jérôme Leroys "Der Block" ist eine großartig erzählte Parabel unserer Zeit. Der Krimi als Königsweg der Soziologie.

Von Alex Rühle

Das innenpolitische Setting ähnelt zunächst dem von Michel Houellebecqs jüngstem Roman "Unterwerfung". Das Buch spielt in naher Zukunft, Frankreich steht vor dem politischen Kollaps, in den Vorstädten gibt es Kämpfe zwischen Aufständischen und Militärpolizei, das Fernsehen überträgt nonstop, rechts oben im Bild läuft ein Zähler mit, der signalrot auflistet, wie viele Menschen gestorben sind. Zu Beginn der Nacht, die hier erzählt wird, sind es 752, am Morgen wird die Zahl auf fast 800 gestiegen sein. Sind das noch Unruhen oder ist es schon Bürgerkrieg?

Es geht also um soziale Konflikte und omnipräsente Angst. Houellebecq lässt in einer ähnlich explosiven Situation einen gemäßigten Islamisten ans Ruder kommen und schaut dann dabei zu, wie die gesamte Bourgeoisie geschmeidig zum Islam überläuft, weil man plötzlich nur so noch an Jobs und Frauen - dafür sogar mehrere Frauen! - kommen kann.

Jérôme Leroy benutzt das Bürgerkriegssetting für ein völlig anderes Szenario: Agnès Dorgelles, die Parteivorsitzende des rechtsextremen "Patriotischen Blocks", wird in dieser Nacht an die Regierung kommen. Während sie und ihre Berater mit der bürgerlichen Regierungspartei um die Ministerposten schachern, liegen zwei Männer einsam in ihren Betten und können nicht schlafen: Antoine Maynard in seiner Pariser Luxuswohnung, Stanko in einem billigen Hotelzimmer. Antoine weiß, dass er am Morgen Staatssekretär sein wird, Stanko weiß, dass er den Morgen nicht mehr erleben soll. Er ist der Preis, den der "Block" für zehn Ministerposten zahlen muss, hat er doch in früheren Jahren zu viele dreckige Aktionen zu verantworten gehabt. Antoine hat den Mord an Stanko mit in Auftrag gegeben, obwohl die beiden ungleichen Männer 25 Jahre lang engste Freunde waren.

Stanko soll den Morgen nicht erleben. Die ihn jagen, hat er selbst trainiert

Der Autor und Journalist Jérôme Leroy, langjähriges Mitglied der Kommunistischen Partei, bezeichnet den Aufstieg des Front National zur stärksten Partei Frankreichs in seinem kurzen Nachwort für die deutsche Übersetzung als "Tragödie" - und greift deshalb für seinen Noir-Krimi auf die Form der klassischen Tragödie zurück, mit strenger Einheit von Zeit, Ort und Handlung und unserem Wissen darum, von Anfang an, dass am Ende jemand sterben soll.

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Alles spielt also in nur einer Nacht, in nur zwei Räumen. Das ist erzählerisch anspruchsvoll. Politisch gewagt und besonders interessant ist das Buch erst deshalb, weil es keinen auktorialen Erzähler gibt, der als moralischer Puffer dienen könnte, sondern Rechte unplugged, zwei nächtliche, einander abwechselnde Monologe, der eine in Ich-, der andere in Du-Form: Ich ist Stanko. Du Antoine.

Leroy sieht den Noir als "Königsweg der Sozialkritik". Er hat selbst viele Jahre lang als Französischlehrer im strukturschwachen Norden des Landes gearbeitet, dort wo der Front National heute auf vierzig Prozent der Stimmen und mehr kommt. Er weiß also genau, was es heißt, wenn die Rechte langsam aber sicher die kulturelle Hegemonie übernimmt. Sein Antoine passt in keine herkömmlichen Rechts-links-Schablonen. Er hat nichts gegen Ausländer, er hat nur früh das Gefühl gehabt, dass alles diffus aus dem Ruder läuft, er verachtet die moralische Selbstgefälligkeit, den Konsumismus und Hedonismus der Babyboomer-Generation, wobei er selbst in seiner Luxuswohnung rumsitzt und seiner Frau sexuell verfallen ist, der Anfangssatz des Buches lautet: "Letztlich bist du also wegen der Möse einer Frau Faschist geworden."

Antoine Maynard hat zwar von klein auf die rechtsnationalen Denker gelesen, all das antidemokratische, antiliberale, völkische Zeug aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren, das jetzt plötzlich wieder so massiv da ist, in Frankreich und ja auch in Deutschland, und das, siehe Drieu la Rochelle, auch noch so faszinierend avantgardistisch-dandyesk vor sich hinschillert. Antoine ist im Grunde selbst ein zynischer Dandy, kein stumpfer Ideologe, während der alles entscheidenden Nacht schaut er "Masculin Féminin" von Godard. Das Einzige, was ihn immer mit seinem Freund Stanko einte, ist seine trieb- und rauschhafte Lust an Gewalt.

Jérôme Leroy: Der Block. Kriminalroman. Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Edition Nautilus, Hamburg 2017. 320 Seiten, 19,90 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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Auch dieser Stanko, der immer nur die Sprache der Gewalt kannte und in seinem Leben einige so grausame Dinge gemacht hat, dass er noch heute davon Schlafstörungen hat, wird einem fast sympathisch, man drückt ihm zumindest irgendwann die Daumen, dass er die Hetzjagd überlebt. Stanko ist ein Kind der Strukturkrise, Ex-Skinhead, zuletzt Chefausbilder der geheimen Kampfeinheiten des Bloc. Die, die ihn jetzt jagen, hat er selbst trainiert.

Sein Vater war bei Usinor in Denain, dem ersten französischen Betrieb, der Mitte der Siebzigerjahre aufgrund des Ölschocks und der Globalisierung, die damals noch gar keinen Namen hatte, Massenentlassungen vornahm. So musste Stanko als Kind mitansehen, wie sein Vater aus dem Arbeitsmarkt entsorgt wird und sich deshalb umbringt. Stanko kann nur mit Gewalt auf Frustration reagieren und findet im Block mit seiner strengen Hierarchie und den homoerotischen Männerbünden bald eine Heimat. Im Grunde sind seine Kapitel ein dreckig-literarisches Gegenstück zu Didier Eribons Studie "Rückkehr nach Reims": Nicht der Soziologieprofessor erzählt hier, warum seine proletarische Verwandtschaft zum FN übergelaufen ist, der kleine Mann erzählt selbst, warum diese Bewegung der einzige Ort sein kann, an dem er so etwas wie Heimatgefühle hat.

Antoine lernt in den Achtzigerjahren Agnès Dorgelles kennen, die Tochter des so zähen wie geschickten Parteigründers, dem es zu dem Zeitpunkt gerade gelungen ist, die extreme Rechte zu einen und nach seinem Bilde neu zu formen. Natürlich stehen für diese beiden fiktiven Figuren Jean-Marie Le Pen und seine Tochter Marine Pate. Französische Leser hatten beim Erscheinen des Originals 2011 ihre Freude daran, "Der Block" als Schlüsselroman mit vielen Anspielungen auf Parteifunktionäre und innere Querelen zu lesen. Aber das ist unerheblich. Heute, sechs Jahre nach seinem Erscheinen in Frankreich, losgelöst von kleineren Parteigeschichten, wirkt der Roman wie eine allgemeingültige Parabel auf das Erstarken des rechten Populismus und als beklemmendes Requiem auf die Demokratie. Er liest sich auch auf Deutsch sehr gut, sieht man davon ab, dass Cornelia Wend das erzählende Imperfekt streckenweise albern streng ins Deutsche holt (Du ließest von ihm ab / das genossest du / - Perfekt-Konstruktionen kämen da lässiger, umgangssprachlicher und damit auch realistischer rüber).

In Frankreich läuft gerade der Kinofilm "Chez nous", der den Aufstieg einer rechtspopulistischen Partei in einer Stadt im Norden Frankreichs erzählt, nachdem diese sich eine biedere Spitzenkandidatin gesucht hat. Das Drehbuch dazu hatte Jérôme Leroy verfasst. Der Front National spuckte Gift und Galle, einige Vertreter wollen den Film verbieten lassen.