Krautrock Ein Akkord nur, und lange zieht er sich dahin

Die Mitglieder der Band Can, (vlnr) Irmin Schmidt, Jaki Liebezeit, Michael Karoli, Ulli Gerlach, Holger Szukay und vorn Damo Suzuki, im Dezember 1971 in Hamburg.

(Foto: dpa)

Menschen mit Grooves hypnotisieren: "Can"-Mitgründer Irmin Schmidt und "Primal Scream"-Kopf Bobby Gillespie über die Klangcollage und deren Folgen.

Interview von Max Dax

Vor Kurzem erschien mit "Electro Violet" das Gesamtwerk des Keyboarders, Komponisten, Can-Gründungsmitglieds und Stockhausen-Schülers Irmin Schmidt als sorgfältig edierte 12-CD-Box - nachdem zwei Jahre zuvor bereits der Katalog von Can, der neben Kraftwerk pophistorisch bedeutendsten deutschen Band, in zwei opulenten Boxen veröffentlicht worden war. "Es ist ein schönes Gefühl, gegen Ende des Lebens das eigene Gesamtwerk erhältlich zu wissen", sagt der heute 79-jährige Schmidt. Gerade erschienen ist auch das neue Album der britischen Psychedelic-Rock-Band Primal Scream: "Chaosmosis". Deren Sänger Bobby Gillespie beruft sich seit je auf Can und bezeichnet das von Can eingeführte Prinzip der Collage als Quantensprung des Pop. Dieser habe es ihm und einer ganzen Generation von britischen Musikern überhaupt erst ermöglicht, sich von den überlieferten Song-Strukturen zu emanzipieren.

SZ: Herr Schmidt, kurz vor seinem Tod am 10. Januar 2016 verwies David Bowie darauf, dass sein nun letztes Album "Blackstar" dem Geist von Can sehr viel verdanke. Was haben Sie gedacht, als Sie davon erfuhren?

Irmin Schmidt: Das fand ich natürlich sehr freundlich. Nicht zuletzt, weil Bowie einer der wenigen ist, an dessen Beispiel sich die Diskussion zu führen lohnt, ob Pop nun Kunst-, Populär- oder Avantgardemusik sei. Spätestens seit Bowie ist klar: Pop ist all das zusammen. Oder kann zumindest alles zugleich sein.

Waren denn Can Pop?

Gillespie: Klar! Und dass ihr alle Schüler des Avantgardisten Stockhausen wart, hat euch nur umso mehr zu Popstars gemacht.

Schmidt: Habe ich mir auch immer gedacht.

Gillespie: Im Ernst: Can hatten Hits, Grooves, Riffs, Hooklines, knallige Covers — ihr wart definitiv Pop. Und wenn Damo Suzuki gesungen hat, konnte man nie wirklich sagen, ob ein Mann oder eine Frau singt. Das kann man nur von den besten Popsongs sagen. Meine erste Can-Platte war "Soundtracks".

Schmidt: Auf "Soundtracks" ist übrigens "Mother Sky" drauf. Hör dir mal Bowies "Scary Monsters" an - die beiden Stücke gleichen sich wie ein Ei dem anderen.

Gillespie: Aber im Gegensatz zu Can hat Bowie dann doch ein paar Harmoniewechsel hineingeschummelt.

Schmidt: Das stimmt, wir hatten in vielen Stücken überhaupt keinen Harmoniewechsel. Oft haben wir einfach stetig über ein und denselben Bass, Grundton und Groove gespielt. Wenn der Groove stimmt, ist man völlig frei. Ich musste allerdings erst lernen, dass mehr als ein Akkord gar nicht nötig ist. Manchmal, wenn es so richtig groovte, wagte ich dann doch mal einen Akkordwechsel - und habe damit mehr als einmal die Session ruiniert. Unser Schlagzeuger Jaki Liebezeit war dann immer stinksauer. Ich habe den Minimalismus und die Selbstdisziplin bei Can lernen müssen. Die Tatsache, dass die Idee des Grooves in seiner potenziellen Endlosigkeit besteht, leuchtete mir nicht sofort ein.

Gillespie: Man kann Menschen mit solchen Grooves hypnotisieren, und genau das haben Can getan. Und wir haben es später kopiert.

Waren Primal Scream damit Zitat-Pop? Auf Ihrem neuen Album "Chaosmosis" zitieren Sie Hunderte Pop-Quellen.

Gillespie: Klar machen wir Zitat-Pop. Gar keine Frage. Betonung auf Pop. So sehr wir alle Dub und Rock mögen: Wir sind Pop. Pop ist die Kunst der Aneignung von fremdem Material. Wir alle haben als Jugendliche Top-40-Radio gehört — Pop-Musik und schwarze, amerikanische Soul-Musik. Die Regeln, wie Songs zu sein haben, sitzen fest in unserem Unterbewusstsein.

Herr Schmidt, Sie studierten in den Sechzigern zeitgenössische Klassik und hörten die amerikanischen Soldatensender. Wieso haben Can diese Musik dann abgelehnt und nach einem eigenen Weg gesucht?

Irmin Schmidt: Wir wollten einfach keine weitere deutsche Kopie der angloamerikanischen Originale sein. In den Fünfzigern und frühen Sechzigern ging es mir darum, die Entwicklung der klassischen Musik zu verstehen, nachzuvollziehen, was in Deutschland von den Nazis alles abgeschafft worden war. Ich war 14 Jahre alt, als ich zum ersten Mal "Le Sacre du Printemps" von Strawinsky im Radio hörte. Ich war total fasziniert davon - und total ratlos. Ich konnte diese Musik nirgends einordnen und verkaufte daraufhin meine elektrische Eisenbahn, um mir den billigsten Plattenspieler und Schuberts "Sinfonie in h-Moll", die sogenannte "Unvollendete", sowie "Le Sacre du Printemps" zu kaufen. Ich wollte das verstehen, und ich habe diese Schallplatte so oft gehört wie andere Leute die Beatles. Der Gründung von Can lag dann meine Idee zugrunde, klassische Avantgarde, elektronische Musik, den Jazz und den Rock zusammenzubringen. Jaki Liebezeit war Jazzmusiker, Holger Czukay klassischer Bassist und Elektronik-Bastler, ich war klassischer Pianist und Komponist mit Liebe zu Cage und Fluxus, Michael Karoli schließlich war Beat-Gitarrist, wie man das damals nannte, und Amateur. Es gab keinen Plan, was daraus werden sollte. Wir legten einfach los.

Gillespie: Die Musik von Can war nicht nur für mich, sondern für viele musikbegeisterte Typen meiner Generation, ich bin Jahrgang 1962, ein Schlüsselerlebnis. Aber um es aus erster Hand zu entdecken, war ich zu jung.

Wie muss man sich ihre musikalische Sozialisation im Glasgow der Siebziger vorstellen?

Gillespie: Als ich mit elf oder zwölf Jahren damit anfing, bewusst Musik zu hören, lief im Radio fast nur Glamrock. Aber bald kam Punkrock, dessen roher Energie auch ich sofort verfallen bin. Aber schon 1978 läuteten zwei Platten die Abkehr von Punk ein: "The Scream" von Siouxsie and the Banshees und "First Issue" von Public Image Ltd. Das war dann Post-Punk. Vier Jahre später gründete ich mit einem Freund Primal Scream.

Und wann kamen Sie dann zu Can und Krautrock?

Gillespie: Als wir Jah Wobbles Bass bei Public Image Ltd. gehört hatten, wollten wir wissen, wo dieser Sound herkam. Und so stießen wir auf den Bass von Holger Czukay und Can. Dann gab es für mich kein Halten mehr.

Schmidt: Um 1977 rief übrigens mal John Lydon, der spätere Chef von Public Image Ltd., an. Er wollte, nachdem sich die Sex Pistols aufgelöst hatten, Can-Sänger werden. Sein Anruf kam aber zu spät, wir befanden uns bereits in der Auflösung.

Das fünfte Primal-Scream-Album "Vanishing Point", das 1997 erschien, ist ganz in der Tradition von Can aufgenommen. Der Song "Kowalski" etwa ist eine freundliche Übernahme des Can-Hits "Halleluwah", wenn nicht alles täuscht?

Gillespie: 1997 haben wir uns alle das erste Mal in Köln zum Abendessen getroffen. Ich drückte Jaki Liebezeit eine CD mit Demos von Primal Scream in die Hand. Auf der CD fand sich auch eine frühe Version von "Kowalski". Ich fragte ihn, wie ihm die Songs gefielen, und er antwortete, dass ihm vor allem das Schlagzeug auf "Kowalski" gefallen hätte. Kein Wunder: Es war ja ein Sample von ihm selbst! Er sagte dann zu, den Groove noch einmal neu mit uns im Studio in London einzuspielen. Ich habe mich seither ein paar Mal gefragt, ob er nicht wirklich einen sehr trockenen Humor hat.

Schmidt: Den hat er! Im Übrigen bezieht man sich ja immer auf Vorangegangenes. Man ist immer von irgendetwas oder irgendjemandem inspiriert. Wir zum Beispiel waren stark von James Brown beeinflusst, und manche finden, dass meine Melodien an Kurt Weill erinnern.

Gillespie: Habt ihr in der Band über solche Dinge geredet?

Schmidt: Nein, wir haben sehr wenig geredet. Und vor allem weder über Politik noch über Musik.

Kürzlich wurden Can abermals freundlich zitiert: Kanye West hat in seinem neuen Song "Drunk And Hot Girls" einfach Cans gesamten "Sing Swan Song" mit Beats und Gesang überlegt.

Schmidt: Das hat mich natürlich auch sehr gefreut!

Gillespie: Hörst du gerne Hip-Hop?

Schmidt: Die von mir sehr geschätzte Louise Bourgeois hat einmal gesagt: "Wir Künstler interessieren uns nicht für andere Künstler, wir interessieren uns für ihre Techniken." Das hat sie natürlich als bildende Künstlerin gesagt, aber es trifft auch auf mich und Hip-Hop zu. Als weißer Mitteleuropäer habe ich keinen direkten Zugang zu Hip-Hop. Rap ist eine hochcodierte Sprache, die sich mir nicht mehr erschließen wird. Aber abgesehen davon sind viele Hip-Hop-Produktionen ja auch musikalisch grandiose, wenn nicht atemberaubende Produktionen. Wie radikal Kanye West mit Zitaten und Bezügen arbeitet, ist sehr inspirierend. Er macht im Prinzip dasselbe, was wir bei Can gemacht haben: Er collagiert die widersprüchlichsten Elemente zu Musik und erlaubt sich wüsteste Unterbrechungen. Das Gleiche kann man übrigens über Kendrick Lamar sagen. Da passieren auf der instrumentalen Ebene wirklich die wundersamsten Dinge.