Kommentar Literarischer Marktplatz

Wie die Nominierungsliste die aktuelle Situation der Kinder- und Jugendliteratur spiegelt - und andere Akzente setzt.

Von Roswitha Budeus-Budde

Das war eine Überraschung, - die jungen Mitglieder der Jury des Jugendliteraturpreises setzten auf ihrer Nominierungsliste deutliche politische Akzente. Vier von fünf Titeln erzählen von Kindern und jungen Erwachsenen, den Opfern von Krieg und Gewalt. So schildert Dirk Reinhardt in seinem Dokuroman Train Kids den endlosen Zug von jungen Südamerikanern in die USA. In Sommer unter schwarzen Flügeln von Per Martin begegnen sich eine junge Asylantin aus Syrien und ein Junge aus einer rechten Schlägertruppe.

Die Kinderbuchliste reflektiert seismografisch die Veränderungen von Kindheit, eine der wichtigsten Themen der Literatur. Dass zum Beispiel ein anderer Mann als der Vater Nähe und Zuneigung vermitteln kann, erlebt der kleine Junge in Frohe Weihnachten, Zwiebelchen von Frida Nilsson. Bei Stefanie Höfler in Mein Sommer mit Mucks erfährt ein Mädchen, wie sein neuer Freund unter der Gewalt in seiner Familie leidet. Und in Die wahre Geschichte von Regen und Sturm von Ann M. Martin gelingt es einem autistischen Mädchen - Krankheit und Behinderung finden sich immer wieder in der Kinder- und Jugendliteratur - trotz seines Handicaps seine schwierige häusliche Situation zu überstehen.

Es sind diese Bücher, die mit ihren ungewöhnlich starken Helden Mut machen, und Visionen einer besseren Zukunft entwerfen. Doch die Kinder- und Jugendliteratur beschreibt auch die gesellschaftliche Verunsicherung, die Ängste der Erwachsenen. Einem falsch verstandenen Gefühl von Political Correctness fallen nicht nur klassische Kinderbücher von Otfried Preußler oder Astrid Lindgren zum Opfer, in der aktuellen Literatur für junge Mädchen ist eine Rückkehr zu längst durch die Frauenbewegung überwunden geglaubten Werten zu entdecken. Die Moral der Beispielgeschichte des 19. Jahrhunderts schimmert wieder durch, mit der pädagogischen Vorgabe, zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft erzogen zu werden, sich anzupassen. Political Correctness bietet zudem die literarische Basis für falsch verstandene Toleranz gegenüber frauenfeindlichen kulturellen und religiösen Traditionen, die sich in der multikulturellen Gesellschaft Europas etabliert haben.

Die nominierten Titel der Jugendliteraturliste setzen dem sehr konsequent autonome Mädchenporträts entgegen. Ob in der historischen Erzählung von Makiia Lucier Das Fieber, in der Liebesgeschichte Rainbow Rowell von Eleanor Park oder dem wilden, als Sommergeschichte erzählten Roadmovie Mädchenmeute von Kirsten Fuchs, immer vertreten starke Persönlichkeiten ihre eigenen Entscheidungen, in literarisch spannenden, ästhetisch überzeugenden Geschichten. Darum fand auch die Nennung beim Kinderbuch Das Mädchen Wadjda von Hayfa Al Mansour schon bei der Nominierungsveranstaltung auf der Leipziger Buchmesse Beifall. Es ist zwar nicht die Geschichte eines Trotzkopfs aus Saudi-Arabien, wie bei der Vorstellung behauptet wurde. Eher ein Anti-Trotzkopf, der sich nicht mit den Benachteiligungen der Frauen im öffentlichen Leben abfinden will. Wenigstens Fahrrad fahren will Wadjda, "und sie hatte es geschafft", wie die Autorin Hayfa Al Mansour, die hier von ihrer eigenen Kindheit erzählt. "Sie fuhr ihren Traum."