Würde man nicht als Vogel wiedergeboren, müsste man unbedingt wieder Journalist werden, am liebsten Feuilletonist. Oder Inhaber eines Gebetsfähnchenverkaufsstands in Tibet.
Es gibt so viele Dinge, zu denen etwas zu sagen wäre, wenn nicht schon so viele Menschen etwas dazu gesagt hätten. Was ließen sich für Garstigkeiten über trunkene Bischöfinnen schreiben oder auch über all jene hochgebildeten Leute, die sich wegen des kleinen Hegemann-Schmuddel-Buchs fürchterlich befehden, obwohl sie noch nicht einmal die Islam-Debatte ganz ausgetragen haben.
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Der Hoatzin lebt im Amazonas-Urwald und ist mit seinen Krallen am Ende der Flügel ein Zwischenwesen - wie der Feuilletonist. (© Foto: iStock)
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Irgendjemand, es könnte der Autor dieser Kolumne gewesen sein, hat einmal gesagt, "Politik" komme aus dem Griechischen und bedeute auf Deutsch so viel wie "ich habe recht", wohingegen "Feuilleton" aus dem Französischen stamme und sinngemäß übersetzt "ich habe recht und du bist doof" heiße.
Auch als Tier würde man sich wohlfühlen
Damit hier nun nicht eine weitere Kontroverse entsteht, sei ausdrücklich versichert: Stünde man vor der Wahl, nach dem Tode in einer anderen Erscheinungsform wiedergeboren werden zu müssen, würde man, müsste man unbedingt wieder Journalist werden, selbst am liebsten Feuilletonist sein. Noch lieber aber wäre man der Inhaber eines Gebetsfähnchenverkaufsstands am Fuße des heiligen Berges Kailash in Tibet.
Auch als Tier würde man sich wohl fühlen, am meisten vielleicht als Hoatzin. Das ist ein Vogel, der im Amazonas-Urwald auf Bäumen lebt und, solange er jung ist, am Ende der Flügel Krallen hat, was eher unvogelig, dafür aber archeopteryxisch ist. Der Hoatzin ist ein Zwischenwesen, eine Art Baumeidechsenhuhn, und dadurch, wenn man so will, der Feuilletonist unter den Vögeln. Das ist eine interessante, vielleicht sogar schöne Lebensform.
Eigentlich aber möchte man nicht als Journalist wiedergeboren werden. Auch in einem neuen Leben würde einem das öffentlich-rechtliche Fernsehen keine sechs Frauen im Wechsel zuschanzen, wie es der NDR gerade bei einem anderen Journalisten in Hamburg tut.
Der Chef beschwert sich beim Unterchef
Und man hat es auch satt, dass einem Westerwelle, Lafontaine und Seehofer unablässig ihre eigenen Fehler vorwerfen und behaupten, die Presse sei an allem schuld, und nicht die Politik sei schlecht, sondern nur "die Kommunikation" funktioniere nicht.
Das mit der Kommunikation ist ein sehr beliebtes Argument. In irgendeiner Firma befiehlt der Vorstand dem Chef, Leute rauszuwerfen, und wenn es dann eine schlechte Presse für die Firma gibt, beschwert sich der Chef beim Unterchef, dass die ganze Sache "nicht gut kommuniziert" worden sei.
Natürlich ist das nur eine jener typischen Als-Chef-steht-es-mir-zu-jeden-Unsinn-zu-sagen-Floskeln, denn selbst gute Kommunikation macht eine schlechte Sache nicht besser. Das gehört zu den Grundweisheiten des Lebens, die allerdings Politiker, Chefs und manchmal sogar Feuilletonisten nicht einsehen wollen. Wäre man ein wiedergeborener Hoatzin, würde das alles einen nicht berühren.
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(SZ vom 27.02.2010/lmne/kar)
"Lieber Herr, mach uns nicht fromm, auf daß sie in die Hölle komm'" betete der (unten abgeschnittene) Nonnus Josef. Mit "sie" meinte er allerdings nicht seine enragierte Kämpferin auf und für die Barrikaden pubertärer Lebensgefühle, sondern die (vormals) minderjährige Zitatenschänderin und Lurchwitwe, deren Namen jeder weiß. "Schlimm genug" - "Umwertung aller Werte" (s. Nietzsche) - wonach der werte Leser freilich giert. "Witz und Pathos begleiten sich" (K.Kraus über Nestroy) - jedoch (Ders. gg. Heine): "Dieser Witz aber, in Vers und Prosa, ist ein asthmatischer Köter. H. ist nicht imstande, seinen Humor auf die Höhe eines Pathos zu treiben und von dort hinunter zu jagen". Angesichts der Alternativen Teeniemolch und Straßentöle scheint die Wahl eines Hoatzin als Wirtstier für die spezielle literarische Schreiberseele geradezu weise - wenn da nicht befremdliche Grunzlaute und das frühe Wiederkäuen der Nahrung in einem viel zu umfänglichen Vorderdarm (sprich: Erste Seite der 2. Lage) diesen aus der Art geschlagenen stoischen Stinkevogel im Kreise seiner Mitgefiederten ein wenig diskreditierten.
Ansonsten gilt: Wie nahe ist doch die "Intertextualität" der Parodie. "Mit fremden Federn" (Robert Neumann) schmückt sich jeder bunte Vogel: Sine culpa avis rarissima. Der Gipfel des ironischen Plagiats ist freilich erreicht, wenn der Autor im trauten familiären Zusammenspiel sich selbst beklaut - was wiederum Neumann mit seiner Hochstaplerin "Olympia" 1961 gelang: "Das aus der Perspektive einer Halbwüchsigen geschriebene Buch erzählt, wie ein junges Mädchen aus Trotz und Enttäuschung über seine angebetete leichtlebige Mama nach Wien durchbrennt, um Prostituierte zu werden" (Wikipedia, s.v. Olympia, Roman). Nein - dieser Skandal! So hieß die Schwester des Felix Krull - es protestierte pflichtschuldigst Erika Mann und wies nach, daß Neumann Mathilde Walewska "Meine schöne Mama" (1956) ausgeschrieben hatte. Worauf sich herausstellte, daß dieser Sagan-Verschnitt von Neumann selbst geschaffen worden war, in Kooperation mit seiner Frau Evelyn Milda (alias Walewska). Wie nannte die Mann diesen Camoufleur seiner selbst?! "Professioneller Drollmops". Für H.Leip war er ein "kleiner verkappter Oberlehrer". MRR übrigens hat "Olympia" nach allen Regeln verrissen - ohne Kenntnis der Walewska. Die Kunst der Parodie hatte eben für andere die Krallen des müffelnden Hoatzin - V. Weidermann dagegen trauert Neumanns "gerechten und mutigen Schmähreden" nach.
Beständiges Wandern (buddhist. Samsara), "Irrungen und Wirrungen" (Fontane) - so könnte sich, aufs Rad des steten Werdens geflochten, das Feuilleton selbst beschreiben: F wie "Verein für philanthropische Vorhaltungen", auch wenn es mal auf dem G-Punkt landet: G = krottenschlecht. Angenommen, der Feuilletonist ist tatsächlich die Krone (und nicht die Kröte) der medialen Schöpfung - dann stellt sich die Frage: Was war er vorher und womit hat er damals gesündigt?!
Blick zurück im Zorn - gaaanz weit: Archaeopteryx, uralte Edelfeder aus dem Jura, frißt keine Kreide. Schöner als Solnhofen ist das Berliner Exemplar - zwar importiert, im Tausch für eine bayerische Kuh. An deren Huf schnabelknappt (G)Wiedehopf. Lat. Upupa, heute Guido epops, onomatopoietisch (Wort, an dem ein Nicht-Grieche im Amt zum Äußersten sich die Zunge spalten kann), wenn oberster Sprach-Kampag-Nero liberales Geschrei anstimmt: Up! Up! Aaa...
Sünde?! Jakobus-Brief 3 "Nicht so viele von euch sollen Lehrer werden ... So ist auch die Zunge nur ein kleines Körperglied und rühmt sich doch großer Dinge, verdirbt den ganzen Menschen und setzt das Rad des Lebens in Brand, sie selbst von der Hölle in Brand gesetzt". Katholisch? Ach was - "stroherne Epistel" (Luther), Feuilleton apokryph. O-Ton Eusebius von Cäsarea, durch Axolotl-Zitat(!!) geadelt: "Wehe dem, der die Hölle jetzt für lächerlich hält und die Hölle erst an sich selbst erfahren muß, ehe er an sie glaubt".
Zart zischen die Zungen. Z., abgefallener Herrenhund, hält die Hölle für spannend, aber nichts für laue Seelen draußen vor der Tür. Schaut der blogsüchtige M. (eitelster Monasteriensis seit Täuferreich) in Dantes Spiegel, sieht er alt-imperialen Stolz K.s (ewig Mährer des Reiches), irren Zorn des quotenabhängigen S. (GAGAATTAC), der ein fliehendes Pferd nicht ins Geschirr nimmt, Herzensträgheit des seriell polygamen di L. (derselbe Herr, die nächste Dame), der vergessen hat: 3x ist gut bremisch Recht. Dann geh ich zu Maxim, dort bin ich sehr intim - im Agit-Prop-Sowjetimperium mit Kommissar Willi Billowitsch, Trotzki und Trotzköpfchen. Darob maßlose Raserei bei K., Baccalaureus in Bologna, gescheitert (Flaubertine verzweifelt gesucht) und St. - Pornotopia oder nur Schweinekirmes im Voltaire-geschmähten Brackwede? Schwarze Botin ist Schutzpatronin der Komödianten Pelagia; Iris-wegen kastrieren sich backenbärtige alte Männer, Pardon: Kirchenväter (s. Origenes) - und Nonnus Josef betet für sie, für uns alle: Lieber Herr, mach uns nicht fr