Klassik Königin der puren Lust

Barrie Kosky gräbt an der Komischen Oper Berlin "Die Perlen der Cleopatra" aus. Mit Dagmar Manzel als Hauptdarstellerin macht er diese Operette zu einer Glamour-Revue.

Von Wolfgang Schreiber

Eine kapriziöse, echt operettenhafte und doch zutiefst ernste Aktion ist das, was sich am Ende auf offener Bühne beim tobenden Applaus zuträgt: Der Regisseur der Aufführung, auch Intendant des Hauses, stürzt vor seiner Diva auf die Knie, in den Staub, küsst den Saum ihrer Robe. Und Barrie Kosky hat allen Grund, für Dagmar Manzel, die Cleopatra der Operette, die höchste und zugleich tiefste Verehrungsstufe zu wählen.

Berlins Komische Oper will jetzt beweisen: Die Pyramiden von Gizeh liegen direkt an der Spree. Kosky kümmert sich seit seinem Dienstantritt serienmäßig um die Unterhaltungstradition der Weimarer Republik und bietet seinem Publikum pünktlich zur Adventszeit Operette, die musikalische Wahlverwandtschaft des Hauses. Die Wahl fiel erneut auf den Wiener Komponisten Oscar Straus (1870 - 1954), in dessen Lustspiel "Eine Frau, die weiß, was sie will" Dagmar Manzel schon Triumphe gefeiert hat. Nun tut sie es mit dem fast vergessenen Straus-Stück "Die Perlen der Cleopatra". Bei der Berliner Aufführung 1924 ließ sich Fritzi Massary, das Operettenidol der Goldenen Zwanziger, als liebestolle Monarchin feiern, Hans Albers war ihr Feldherr Marcus Antonius.

Der Dirigent hat die Partitur, Tonarten und Rhythmen zugespitzt - das bringt Schwung

Jetzt mimt Dominique Horwitz mit grellem Witz und virtuos outrierend den tuntigen Cleopatra-Minister Pampylos. Inmitten einer präzise enthemmten, mit Gags prunkenden Glamour-Aufführung ist Dagmar Manzel der grandiose Dreh- und Angelpunkt. Das Besondere liegt im burlesk überdehnten Spektrum dieser Königin, sie kann einfach alles: Luxusweib und Mädchen, männermordende Femme fatale und dreiste Göre. Vor allem die sexuell unendlich unterforderte Frau. Daraus ergibt sich ihr Drang zur Männermanipulation. Dagmar Manzel liefert das alles mit geschmeidiger Nonchalance. Und in der TV-"Tatort"-Kommissarin kommt die Bühnenvirtuosin zum Vorschein, als Cleopatra mit Berliner Schnodderigkeit. Dazu gehört, dass ihre Cleopatra bei den schwatzhaften Monologen eine bauchredende Katzenpuppe an ihrer Hand namens "Ingeborg" zu bedienen weiß.

Kosky, der genialische Bühnenhandwerker, lässt mit lasziver Lust und in rasendem Tempo auf der schwarz-weißen Art-déco-Bühne (Rufus Didwiszus) die Puppen nur so tanzen und toben, dazu die irrlichternden Chöre und ein rauschhaftes Tanzensemble (Otto Pichler) im Outfit knalliger Kostümausschweifung (Victoria Behr), einschließlich der absurden Konfettiparade fürs Publikum. Dirigent Adam Benzwi, Spezialist des Hauses fürs Leichte, hat die Straus-Partitur uminstrumentiert, den Klang verschlankt, rhythmisch zugespitzt, Tonarten geändert. Er bringt das Orchester des Hauses in Schwung - und glänzt mit orientalisierenden Überraschungen, wenn dem Stück plötzlich der "Aida"-Triumphmarsch geblasen wird.

Allein nach irgendeiner Geschichte oder dramaturgischen Erzählschnur in traditioneller Theatermanier darf man hier nicht suchen. Diese Operette mit den Zutaten sexuelle Freiheit, Satire, Tanz, spätromantische Gefühlskunst und Jazz, mit Dauerturbulenzen, die sich laut Kosky "zu einem kosmopolitischen Cocktail" mischen, sie gleicht mehr einer revuehaften Show und gar nicht der altmodischen Operettenseligkeit. Handlung und Inhalt bleiben schemenhaft, etwa die altägyptische Staatskrise, Volksaufruhr, die römische Invasion oder das Nilhochwasser, schrill wird nur Cleopatras nächster "kleiner ägyptischer Flirt" zelebriert. Barrie Kosky führt und verführt sein Ensemble zu höchster Bravour. Sehens- und hörenswert sind Dominik Köningers römischer Offizier Silvius, Talya Liebermans Hofdame Charmian und Johannes Dunz' persischer Prinz Beladonis. Die Komische Oper hat eine neue Stufe lustvoller Sinnfreiheit erklommen - und kniet nieder vor Dagmar Manzel.