Klassik II Ménagerie à trois

Ein Werk und seine Bearbeitungen: Georg Friedrich Händel komponierte "Acis und Galatea". Mozart und Mendelssohn versuchten, diese Oper in ihre jeweilige musikalische Zeit zu holen. Und bei wem klingt das jetzt am besten?

Von Helmut Mauró

Das größte Verdienst gilt am Ende einem Mann, den keiner auf dem Programmzettel hat: Gottfried van Swieten, der Diplomat, Komponist, Übersetzer und Librettist, brachte den Wiener Klassikern die Werke des großen Kollegen Georg Friedrich Händel nahe, verfertigte von dessen Oper "Acis und Galatea" eine deutsche Übersetzung und beauftragte Wolfgang Amadeus Mozart, sich, wie nachmals für "Messias", "Alexanderfest" und "Cäcilienode", um die Musik zu kümmern.

Bei der Salzburger Mozartwoche stand nun aber im "Haus für Mozart" nicht dessen Bearbeitung im Mittelpunkt, sondern die weitreichendere von Felix Mendelssohn Bartholdy, und zwar in unmittelbarem Vergleich mit Händels Original, was den konzertanten Opernabend zu fast Wagnerschen Ausmaßen dehnte. Das lag nicht nur an dem größtenteils soliden Gesangsensemble, sondern vor allem am Dirigenten Marc Minkowski, der sein Ensemble "Les Musiciens Du Louvre" sowie den hervorragenden Salzburger Bachchor zwar unermüdlich und gestenreich vor sich hertrieb, sein enormes agogisches Potential aber nicht immer musikalisch nutzbar machen konnte. Körperlicher Bewegungsreichtum und sich aufschaukelnde Tempi führen eben nicht automatisch zu musikalischer Spannung.

Aus dem flötenzwitschernden Vogelpaar wird bei Mendelssohn ein klingender Großraumkäfig

Neugierig war man vor allem auf die wesentlichen und wirkungsvollen Unterschiede der unterschiedlichen Fassungen. Während Mozart eine Ouvertüre ergänzte und ein Vorspiel zum zweiten Aufzug, das er aus zwei von Händels Concerti Grossi zusammenfügte, geht es bei ihm vor allem darum, die zarte barocke Pastorale nicht mit zeitgemäßem Pomp zuzukleistern, sondern das antike Liebesidyll in eine Art Rokoko-Pastell zu überblenden, mittels vorsichtig agierender Flöten, und, natürlich seinem Lieblingsklang, der Klarinetten. Ein Highlight: Les Musiciens Du Louvre verfügen über ausgezeichnete und individuell gestaltende Originalklangbläser. Mendelssohn dagegen fährt alles an Orchesterstimmen auf, was 1829 zu haben ist. Der aufstrebende Komponist musste seinem Lehrer Friedrich Zelter hierin zu Gefallen sein und auch noch eine Bearbeitung von Händels Dettinger Te Deum liefern, um im Gegenzug Bachs Matthäuspassion in der Berliner Singakademie dirigieren zu dürfen. Zelter gab die Partitur an Mendelssohns Schwester Fanny zurück, die das Libretto, mehr Nachdichtung als Übersetzung, verfasst hatte. Der Komponist selber dirigierte in Leipzig Mozarts Fassung und zog diese der eigenen vor. Das passt alles wunderbar in historische Klischees: Mendelssohn zu jung, überstürzt, klangüberladen. Mozart weitsichtig, instinktsicher, zurückhaltend. Aber aus heutiger Sicht, oder zumindest in der dann doch sehr engagierten Aufführung durch Minkowsky, klingt das nicht unbedingt so. Mendelssohn hat Händel einfach in seine Zeit geholt, und das geht nur mit jenem jugendlichen Leichtsinn, der es ermöglicht, auch die Lautmalereien Händels von einem Vogelpärchen auf eine komplette Menagerie zu erweitern. In England hätte man ihn dafür geliebt.

Was man natürlich nicht nachahmen und durch Veränderungen erst recht nicht erreichen kann, ist jene Art von Größe, wie sie Händel selbst in der schlichtesten Arie erreicht. Da ist alles auf den Punkt, die Anzahl und spezielle Farbkombination der Instrumente, der sprechende Melodieverlauf, die harmonische Bindung, der zielsicher wandernde Bass. Aber: Dass die Werke Händels und Bachs wieder ins Bewusstsein gelangten, dafür hat einst Mendelssohn gesorgt.