Klassik Das Vorbild vieler glanzvoller Geigerinnen

Die Geigerin Anne-Sophie Mutter feiert in München 40-jähriges Bühnenjubiläum - mit einem fulminanten Auftritt.

Von Helmut Mauró

Und wenn sich dann doch, ein einziges Mal, eine kleine Unsicherheit in ihr Spiel einschleicht, dann wohl nur deshalb, um die Regel zu bestätigen. Die Geigerin Anne Sophie-Mutter ist nicht nur eine der glamourösesten Erscheinungen im Klassik-Betrieb; auch zu ihrem Jubiläumskonzert in der Münchner Philharmonie schwebt sie wieder auf die Bühne in einem dieser schulterlosen Nymphenkleider, für dessen Beschreibung sich Modefachleute ein Bein ausreißen würden. Nein, sie ist auch in musikalischer Hinsicht eine Stilikone, die in ihren nunmehr 40 Bühnenjahren eine ganze Generation junger Mädchen zu erstaunlichen Virtuosinnen auf der Geige gedeihen ließ. Julia Fischer oder Hilary Hahn sind da nur Speerspitzen einer gewaltigen Frauenbewegung. Noch nie hat es so viele hervorragende Geigerinnen gegeben wie in den letzten drei Jahrzehnten.

Als Anne Sophie-Mutter als 13-jähriger Backfisch neben dem Pult des gestrengen Herbert von Karajan stand, konnte sie das noch nicht ahnen. Vielleicht wusste sie nicht einmal, wie steil es mit der eigenen Karriere aufwärts gehen würde. Aber sicher ist das nicht. Denn, und das kann man heute noch spüren, wenn sie auf dem Podium steht, ihr ganzes Tun und Streben galt seit dem fünften Lebensjahr dem Violinspiel. Und wenn man dabei einen schwäbischen Zeitungsverleger zum Vater hat, dann lernt man auch schnell, dass man auch musische Ambitionen professionell angehen muss. Auch dies hat Anne-Sophie Mutter so verinnerlicht, dass man manchmal den Eindruck hat, die Leidenschaft für Professionalität sei ebenso tief wie die für die Musik selbst. In Antonio Vivaldis fast unerträglich abgenudelten "Vier Jahreszeiten" sitzt jeder Ton, und auch die begleitenden Musiker ihrer Nachwuchs-Stiftung, die hier akzentuiert als "Mutter's Virtuosi" auftreten, fügen sich nahtlos in den Traum einer perfekten Kunst.

Anne-Sophie Mutter ist die erfolgreichste Geigerin der Geschichte und hat zahlreiche Nachwuchstalente ermutigt und gefördert.

(Foto: Harald Hoffmann/DG)

Dass sie dabei einem eher reaktionär aufgedunsenen Klangideal folgen, scheint niemanden zu stören. Denn das ist der Vorteil von Perfektion, sie schafft eine gleichsam autonome Gültigkeit. Ist dies das Erfolgsgeheimnis dieser Geigerin, die so unangefochten wie keine andere ganz oben thront, was Publikumsgunst, Plattenverkäufe und Public Relations angeht? Vielleicht nicht ganz. Denn es ist ja nicht so, dass ihr Geigenton ganz ohne Wärme wäre, dass sie den großen Werken der Musikliteratur nicht immer mit größtem Respekt und letzter Hingabe begegnete, dass sie auch zeitgenössischen Werken nicht ihre ganze Leidenschaft schenkte.

Dafür, und auch für ihren enormen Verbreitungserfolg, für ihre Nachwuchsarbeit und ihre Stiftungen, hat sie viel investiert, auch viele Preise bekommen, darunter einen Grammy, das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, das Große Verdienstkreuz, den Ernst-von-Siemens-Musikpreis, den Nobelpreis für Musiker, und noch 21 andere Großpreise.

Sie hat das auch an diesem Jubiläumsabend eindrucksvoll gezeigt, als sie mit ihren Virtuosi André Previns "Nonett für zwei Streichquartette und Kontrabass" so emotional und musikantisch abfeierte, als sei es ein Adagio von Mozart. Anne-Sophie Mutter hatte immer einen besonderen Hang zur Moderne, der weit über künstlerische Pflichtübung hinausgeht. Noch immer findet sie ein kleines Glück darin, spielend neue Klänge zu entdecken und neue Klangsprachen, vielleicht auch den Komponisten dahinter als Menschen genauer kennenzulernen. Für den neugierigen Teil des zahlreich erschienenen Jubiläums-Publikums war es eine besondere Chance, sich mit neuer Musik auf so persönliche Weise vertraut zu machen.

"Es pocht, klopft und geigt immerzu"

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Da wird die Geigerin zur großen Verführerin, denn der überwiegende Teil der Hörerschaft ist ihr so sehr zugetan, dass sie im Grunde alles spielen könnte. Sie belässt es aber bei einem Gegenwartsstück, auch wenn dieses in seiner eleganten Balance von atonaler Modernitätsanmutung und idiomatischer Geborgenheit niemanden wirklich erschreckt haben dürfte. Sie bringt unmittelbar darauf gleich die ältestmögliche Alternative, das Konzert für zwei Violinen und Streicher in d-Moll von Johann Sebastian Bach; allerdings im Schnelldurchlauf, manchmal ein bisschen harsch, dann wieder locker federnd, als sei nichts gewesen. Die ausgezeichnete Nancy Zhou ist dabei ihre Gegen- und Mitspielerin, so wie später bei Vivaldi eine ganze Schar kongenialer Partnerinnen solistisch in Erscheinung tritt. Wie aus dem Nichts und ganz so, als könne man die Reihe virtuoser Nachwuchstalente schier endlos fortsetzen.

Die jungen Männer fügen sich dabei brav in ihre zeitgemäßen Rollen als Tutti-Geiger, Funktions-Cellisten, Kontrabass-Mitspieler. Der ein bisschen intellektuell anmutende Cembalist ist der Privilegierte unter den musikalischen Kofferträgern der Bass-Combo. Mit ihm findet dann auch tatsächlich, inmitten des Vivaldi-Gewitters, eine Art Privatkonzert statt mit Mutter und Cembalo. Knut Johanessen lehnt sich dabei weit nach hinten und wieder ebenso weit nach vorne, sucht Blickkontakt und bietet jede gewünschte Vorlage, um den großen Sologeigenton zu stützen und noch größer erscheinen zu lassen. Zur Perfektion gehört auch der Respekt.

Die Aufregung gehört dagegen nicht dazu. Sie würde stören, verunsichern, verunklaren, unkontrollierte Räume ermöglichen. Das wollen an diesem Feierabend nur wenige, und das sind auch die einzigen, die nicht vollkommen hingerissen sind und in stehende Ovationen ausbrechen.