Zum Beispiel die Szene, wo der blaugeprügelte Heimzögling Peter-Jürgen Boock zur nackten Ensslin in die Frankfurter WG-Badewanne steigen darf. Ist wohl so gewesen, von Boock bezeugt. Aber dann kommt, anders als in Wirklichkeit, Baader dazu. Und reagiert cool. Macht einen Witz von wegen "meine Alte ficken". Schenkt Boock seine Lederjacke. Auch das hat er wirklich gemacht, bei anderer Gelegenheit. In diesem Kompositum aber wird Baader doch plötzlich Super-Baader, und seine "rasende Eifersucht", von der Aust noch so eindrücklich schreibt, ist aus der Geschichte getilgt.
Erblondet: Baader im Einsatz. (© Foto: afp)
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Sie hätte ihn in diesem Moment uncooler gemacht, aber auch interessanter. Stattdessen wird die Figur ihre Lässige-Macker-Nummer ("Ficken und Schießen sind ein Ding") nun durchziehen bis zum Ende, ohne dass auch nur eine weitere Dimension dazukommen darf. Das kann man sexy finden, aber auf die Dauer ermüdet und enttäuscht es. Unfreiwillig? Oder womöglich doch mit Absicht, ohne dass jemand den Darsteller Moritz Bleibtreu informiert hätte? Haben die Macher da vielleicht gar ein Gegengift zur Legendenbildung gefunden? Die Rätsel häufen sich.
Leider verpasst
Auch bei dieser Verhaftungsszene, 1970 in Berlin. Da tut der Film so, als sei Baader der eigenen Dämlichkeit zum Opfer gefallen, unfähig, sich die falsche Identität zu merken. Tatsächlich lief er in eine Falle des Verfassungsschutzes. Diesen ganzen Hintergrund, der auch einen der größten Polizeiskandale der Nachkriegsgeschichte umfasst, kann der Film nicht zeigen. Wohl zu komplex.
Aber genau das wird von nun an das Dilemma sein: Die besten Wendungen der Realität, nach denen sich das Kino geradezu die Finger lecken müsste - der Autor Eichinger bringt sie leider nicht unter. Sogar am Ende, der berühmte Höhepunkt zum Haareraufen, als die Polizei schon einen Hinweis auf das Versteck der RAF-Geisel Schleyer hat, dann aber das Fernschreiben verlorengeht, Schicksalsgötter in Aktion, geradezu antikische Tragödie - weggelassen.
Da wird dann endgültig klar, wie hoch der Preis ist, den diese Verfilmung für ihren Anspruch bezahlen muss, zehn Jahre zu umfassen. Nur die Explosionen und Kugeln sind fast alle drin, sogar solche, die der Autor Aust nicht einmal erwähnt hat. Kopfschuss Petra Schelm, Bombe bei der US Army in Heidelberg, verstümmelte Soldaten, Rumms in Augsburg, Bumms in München, Anschlag bei Springer, Drenkmann-Hinrichtung, Botschaft Stockholm, Buback und die Motorradkiller, Ponto beim Kaffeetrinken, bang boom bang, Schleyer in der Vincenz-Statz-Strasse, ratatatatatatat. Und darüber immer wieder Bekennerschreiben, im Theatertremolo rezitiert.
Gewisse Denkkapazitäten
Der Effekt ist, nun ja: Nach einer Weile bleiben gewisse Denkkapazitäten unbenutzt, und man beginnt über Dinge zu grübeln, über die man eigentlich nicht nachdenken sollte. Zum Beispiel darüber, wie sehr die Schauspieler in der ganzen Hektik um ihren Auftritt, ihren Moment kämpfen müssen. Eindrucksvoll aufs Pflaster geknallt, Alexandra Maria Lara! Spektakulär ausgehungert, Stipe Erceg! Und Martina Gedeck, also dieser Augenblick in Einzelhaft mit den dröhnenden Neonröhren, wo der Wahnsinn von einem Ohr zum anderen übers ganze Gesicht zuckt: Respekt!
Fast tragisch wird die Sache dann bei Sunnyi Melles, die ja auch mal ein Star war, irgendwie, und hier nun für schätzungsweise drei Sekunden in einen VW steigen darf, nur um per Bombe wieder herausgeschleudert zu werden. Und danke. Die Melles spielt, wir haben nachgeschlagen, eine weithin vergessene Richtersgattin namens Gerta Buddenberg. Aber wenn Eichinger ruft, dann ist Dabeisein wohl wirklich alles.
"Dass ihr Schmerz unserem entsprechen wird", dieses RAF-Zitat scheint das Motto bei der Darstellung dieser endlosen Gewaltspirale zu sein, ein simples Reiz-Reaktions-Schema bis zum Ende. Der Vorwurf, die Filmemacher hätten sich dabei auf eine oder andere Seite geschlagen, trifft dagegen nicht.
Zwar werden Baader, Meinhof und Ensslin tatsächlich überhöht, viele Widersprüche sind ihnen ausgetrieben. Aber BKA-Präsident Horst Herold, als ihr weise raunender Gegenspieler auf staatlicher Seite, ist mindestens genauso idealisiert. Kein Wort von seinem Größenwahn, seiner schlimmen Terminologie von der "gesellschaftssanitären Aufgabe" der Polizei, stattdessen darf er einen hochvernünftigen Satz nach dem anderen sagen, über die Wurzeln des Terrorismus und die Ignoranz der Politik. Seine "Rasterfahndung" rückt zeitlich ein paar Jahre vor. Sie erscheint weit brillanter, als sie tatsächlich war - und Bruno Ganz' Hitler-erprobtes Großmimentum verleiht dem noch besonderen Nachdruck.
Gezielte Verwirrspiele
Nein, in politischer Hinsicht ist der Film nach allen Seiten offen, was auch durch das Spektrum der Reaktionen gespiegelt wird, die Zeitzeugen und Opferfamilien inzwischen zu Protokoll gegeben haben - wo die einen die Terroristen pervers heroisiert sehen, finden andere sie als kaltblütige Mörder entlarvt. Ein seltsam unreflektierter Konsens herrscht nur darüber, wie verdienstvoll die drastische Darstellung der RAF-Gewalt doch sei - dabei ist Gewalt im Kino doch längst eine Kategorie, die jenseits jedes Mitgefühls konsumiert wird.
Tatsächlich ist die politische und ideologische Zweideutigkeit des Films sicher gewollt - eine aus Hollywood importierte Blockbuster-Strategie. Das intelligentere Groß-Entertainment enthält dort seit einiger Zeit gezielte politische Verwirrspiele, siehe zuletzt "The Dark Knight": Hier ein Happen für die Anhänger der Selbstjustiz, dort ein Zwinkern für die Feinde des Überwachungsstaats, jeder darf sehen, was er sehen möchte, und am Ende hebt sich alles gegenseitig auf. So machen es Eichinger und Edel auch, clever auf der Höhe des Zeitgeists - nur ist der Trend, den sie bedienen, gerade schon dabei, recht schal zu werden.
Ein glasklarer Standpunkt, das wäre zur Abwechslung mal wieder dran, ein spektakuläres Statement, das die ganze dröhnende Aufregung am Ende auch rechtfertigen könnte. So aber ist dieser "Baader Meinhof Komplex" . . . eben doch nur ein Film.
DER BAADER MEINHOF KOMPLEX, D 2008 - Regie: Uli Edel. Buch und Produktion: Bernd Eichinger. Buchvorlage: Stefan Aust. Kamera: Rainer Klausmann. Schnitt: Alexander Berner. Mit Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck, Johanna Wokalek, Nadja Uhl, Stipe Erceg, Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara. Verleih: Constantin, 150 Minuten.
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- Aust, Grashof und die RAF "Der hat mich total übers Ohr gehauen" 08.08.2008
- Neues Gutachten zum Buback-Mord Verena Becker entlastet 22.07.2008
- Carolin Emckes RAF-Buch Die Täter sollen sprechen können 30.05.2008
- Begegnung mit Gudrun Ensslin Ein kleiner Revolver 15.05.2008
- Terrorismus Mutmaßungen über ein verschwundenes RAF-Mitglied 07.04.2008
(SZ vom 25.9.2008/rus)
Ich habe "Todesspiel" gesehen - sehr sachlich.
Das Buch von Aust gelesen, na ja.
Und werde mir diesen Film gewiss nicht ansehen - habe ich spontan beschlossen als ich Anne Will angeschaut habe.
Bleibtreu hat es für mich auf den Punkt gebracht - es ist Kino und darum natürlich auch Unterhaltung. Und für mich ist dies kein Stoff für Unterhaltung.
Zum Film: Buch und Produktion Bernd Eichinger, mal ehrlich, was kann man da schon erwarten?! Bestimmt keine tiefgreifende, fundierte 'Aufarbeitung', bzw. Darstellung der Geschichte (eine Aufarbeitung ist durch einen Film sowieso nicht möglich).
Danke für Ihre Ausführungen.
Wenn die Rote Fahne flattert, ist der Verstand erst im Erregungszentrum und dann in der Knarre. Auch ich kann mich noch ziemlich gut an die 67/68er Tage erinnern, als die ehemals urchristlichen Hochmoralisten wie Rudi Dutsche und Ulrike Meinhof, früher "pazifistisch bis auf die Knochen" (U. Enzensberger), nunmehr mit dem bewaffneten Widerstand liebäugelten. Andere sahen satirisch/surrealistisch in brennenden Kaufhäusern und Konsumbürgern ("burn, warehouse, burn") ein flammendes Fanal - daß dergleichen jemand wahrmachen könnte, schien uns absurd, Ensslin hin, Grass' Dackel her. Sehr wohl habe ich aber auch jene hochfahrenden Agitprop-Revoluzzer in unseren radikaldemokratischen Grüppchen noch vor Augen, deren unduldsamer Tonfall von diesem schwadronierenden Bannerschwinger bewahrt worden ist- "Krieg Du erst mal das richtige Bewußtsein!" - "Brecht dem Schütz die Gräten, alle Macht den Räten!" - "Es war die notwendige Konsequenz aus Marx' HistoMat, daß Stalin die Kulaken vernichtete". Angesichts des menschlichen Rührens in meinen Gedärmen darob blieb nur die Wahl: Austreten oder Austreten. Kam man dennoch zurück, hatte sich die Gruppe gerade wieder zerlegt - zu den unbegreiflichen Zügen dieser Apo-Linken gehörte es, an die Solidarität zu appellieren und dann doch humorlos individualistisch, eben spaltpilzig zu handeln. Übrigens - wer wirklich abgewogene Ansichten zur RAF und ihren Ursprüngen lesen will, sollte zu Willi Winkler (2007) greifen oder die Binnenansichten zum Sympi-Umfeld sich in Bernhard Schlinks Roman "Wochenende" (2008) zumuten.
Lieber rack66,
Zu Ihrem Lieblingsthema, der Täter-Opferdebatte, habe ich folgendes beizutragen:
Meine Eltern, deren entscheidend prägende Jahre unter Adolf Hitler verliefen, habe ich,
wie jeder andere auch in meiner Situation, mit Fragen nach der Ost-West-Problematik
bzw. der Mitwisserschaft des NS-Regimes interviewt.
An die Erbarmungswürdigkeit des Diskussionsniveaus, wer denn der Böse und wer der Gute sei, und an die geradezu dümmliche Erbsenzählerei, auf wessen Seite wohl mehr Opfer zu beklagen gewesen sein und warum, erinnere ich mich mit Schaudern.
Der böse Russe und der gute Amerikaner - bis zum Abwinken.
Ich bin nicht empathiefrei oder kalt - ich bin froh, dass ich niemanden beklagen muss.
Im Grunde genommen verkaufen Sie den Lesern die Tatsache, dass Sie vom Tuten und Blasen keine Ahnung haben, als Bescheidwisserei.
Strategie herrschender Kräfte ist es, dass das Fakten- und Zusammenhangsverstehen
tunlichst unterbleibt. Aus dieser Lücke saugen sie alle Honig: die Austs, auch viele Schauspieler, die sich Profilierungseffekte und viel Geld davon versprechen. Die Eichingers und die Edels.
Und so viele andere, die völlig gedankenlos nach der Maxime leben: Mache es ich nicht,
dann macht es eben ein anderer.
Sie kommen nicht dran vorbei:
1. Ob bei der 67er Revolte des 2. Juni gegen den Schah von Persien und seine geschichtlichen Nachwirkungen oder
2. Ob bei der Demonstration gegen das Atomkraftwerk Brokdorf in den 70er Jahren:
a. Die ersten Gewehrkugeln kamen von den Staatskräften.
b. Die erste Gewalt ging von prügelnden Polizisten aus.
Daraus resultiert auch, wer all das sinnlose Blutvergiessen hätte verhindern können,
aber es offenbar viel lieber benutzte, um noch fester im Sattel zu sitzen als zuvor.
Und hier nochmal mein Statement, zu dem ich Wort für Wort stehe:
Die RAF ist nicht eine Vorlage für billigste Unterhaltung, Geschichtsklitterung
und -verklärung und Sensationshascherei, sondern ein Lehrstück dafür, wie ein durch
primär Springerpresse aufgehetzter Staat willkürlich anfängt, Jugendliche zu ermorden
(nicht nur Benno Ohnesorg!) und damit eine Maschinerie in Gang setzt, die er nur noch
mit bis heute nicht rechtlich geklärten Gesetzesübertritten (unter der Leitung von
Helmut Schmidt) anno 1977 stoppen kann.
Und lernen Sie eins: Eigenständiges Denkvermögen und eigenständigen Diskurs.
Nachplappern, was "in" ist, zählt nichts! Also ersparen Sie uns das bitte!
Paging