Süddeutsche Zeitung

Kino: "Der Baader Meinhof Komplex":Bang Boom Bang

Nach all der Aufregung ist es nun doch nur ein Film geworden: Die Verfilmung von Stefan Austs RAF-Klassiker trägt schwer am Reiz-Reaktions-Schema voller Blockbuster-Ambivalenzen.

Die Augen schließen, tief Luft holen, die ganze Voraufregung ausblenden, all das dröhnende Drumherum. Fokussieren, verdammt. Es ist nur ein Film.

Ein unbedingt begrüßenswerter Film. Das kann man eigentlich sogar sagen, bevor man den "Baader Meinhof Komplex" gesehen hat. Er muss ja nicht gleich den Blick auf die RAF verändern. Begrüßen wir ihn doch erstmal, jetzt wo er endlich da ist. Hallo.

Begrüßenswert ist auf jeden Fall der Anspruch, den sich Stefan Aust, Bernd Eichinger und Uli Edel selbst auferlegt haben: Die historischen Fakten ihrer Geschichte möglichst korrekt zu präsentieren - "so authentisch, wie das bei einem Spielfilm möglich ist" (Aust). Kurz zur Erinnerung: Normal ist das nicht. Das deutsche Eventfernsehen zum Beispiel betrachtet Geschichte eher als teure Fototapete, vor der man Veronika Ferres ablichten oder melodramatische Dreiecksgeschichten erzählen kann. Es gilt sogar fast die Regel, dass man die Kosten einer solchen Fototapete kaum verantworten kann, ohne Veronica Ferres davor.

Wenn der Autor und Produzent Bernd Eichinger nun erklärt, aus Respekt vor seinem Gegenstand habe er auf all die dramaturgischen Eingriffe verzichtet, die er sonst benutzt, will das durchaus etwas heißen. Da hat einer, für seine Verhältnisse, einen Experimentalfilm gedreht - und trotzdem 20 Millionen Euro ausgegeben. Und ohne solche testosterongeschwängerten Großgesten wäre das deutsche Kino weiß Gott ärmer dran.

Suizidaler Anspruch

Zugleich aber ist damit natürlich ein hoher, fast suizidaler Anspruch aufgetürmt. Und die Macher begnügen sich auch keineswegs damit, ein paar Aspekte aus der Geschichte der Rote-Armee-Fraktion herausgreifen. Sie nehmen zehn Jahre, von 1967 bis 1977, und wollen die ganze Geschichte erzählen. Wie Austs Neunhundert-Seiten-Wälzer, auf dem alles beruht. Nichts Wichtiges darf fehlen, alles muss in zweieinhalb Stunden verständlich werden. Wenn es so etwas wie einen cineastischen Common Sense gibt, dann sagt der: Das kann gar nicht gehen.

Die wichtigsten Entscheidungen sind damit gefallen, bevor eine Zeile Drehbuch geschrieben, ein Zentimeter Film belichtet war. Und ja, man spürt ihre Folgen von Anfang an.

Es beginnt mit Ulrike Meinhof am Strand von Sylt, am 2. Juni 1967. Sie liest einen Artikel über die persische Kaiserin in der Neuen Revue, der sie zu einer berühmten konkret-Kolumne inspiriert, dann kommt eine nackte Frau vorbei, die das Ende ihrer Ehe bedeuten wird, gleichzeitig hat sie die Kolumne aber schon längst geschrieben, denn der Text wird bereits auf Flugblättern verteilt, während simultan der Schah und seine Frau in Tempelhof landen, die Studenten protestieren, die Jubelperser ihre Holzlatten umklammern. Dann wird losgeknüppelt. Dramaturgische Verdichtung nennt man das wohl, aber man muss auch festhalten: So kann es natürlich nicht gewesen sein. Reale Entwicklungen, reale Figuren existieren nicht im schnellen Vorlauf.

In Wallung

Andererseits: Was will man machen? Zehn Jahre in zweieinhalb Stunden. Jetzt mal Tempo hier. Während also die Studenten blutig geschlagen werden und Benno Ohnesorg stirbt, liest Meinhof Schlüsselsätze aus ihrer Kolumne vor. Damit ist das Hauptstilmittel des Films etabliert. Die Gewalt und ihre Begründungen, die Tat und das Bekennerschreiben werden stets übereinander geblendet, harte Action mit theoretischem Voice-over sozusagen, und am Anfang funktioniert das auch, gerade in seiner Atemlosigkeit, erstaunlich gut:

Der Zuschauer gerät in Wallung, die Emotionen sind sofort da, und wenn die Polizisten auch denkbar hart gezeichnet sind, so ist das doch begründet, in der damaligen Gnadenlosigkeit des Berliner Polizeiapparats, im Hass der Springer-Presse, in der Gleichgültigkeit des bürgerlichen Lagers.

Und trotzdem merkt man natürlich, wie man manipuliert wird. Aust, Eichinger und Edel sichern sich ab, für jedes Einschussloch können sie auf Anfrage den korrespondierenden Aktenvermerk aus der Tasche ziehen. Aber es bleibt Raum für Suggestion. Viel Raum. Gudrun Ensslin zeigen sie zum ersten Mal mit Baby und ihrem Verlobten Bernward Vesper bei den Eltern in Bad Cannstatt, zu einer Zeit, wo sie in Berlin bereits fieberhaft nach einer Antwort auf Ohnesorgs Tod suchte.

Ficken und schießen

Warum? Um kurz noch den bürgerlichen Hintergrund der Terroristen auszuleuchten vielleicht, oder um der Meinhof als intellektueller Leitfigur einen Vorsprung zu gönnen. Vesper jedenfalls ist gerade noch mal untergekommen: In ihrer nächsten Szene, neun Monate später, ist Ensslin bereits mit Baader zusammen, sie nennen sich "Baby" und "Katze". Eine Art Figuren-Sammelwut wird da sichtbar, die dann am Ende zu der erstaunlichen Zahl von 123 Sprechrollen führt. Aber unschuldig sind all diese Entscheidungen natürlich nicht.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum gewisse Denkkapazitäten ungenutzt bleiben.

Bang Boom Bang

Zum Beispiel die Szene, wo der blaugeprügelte Heimzögling Peter-Jürgen Boock zur nackten Ensslin in die Frankfurter WG-Badewanne steigen darf. Ist wohl so gewesen, von Boock bezeugt. Aber dann kommt, anders als in Wirklichkeit, Baader dazu. Und reagiert cool. Macht einen Witz von wegen "meine Alte ficken". Schenkt Boock seine Lederjacke. Auch das hat er wirklich gemacht, bei anderer Gelegenheit. In diesem Kompositum aber wird Baader doch plötzlich Super-Baader, und seine "rasende Eifersucht", von der Aust noch so eindrücklich schreibt, ist aus der Geschichte getilgt.

Sie hätte ihn in diesem Moment uncooler gemacht, aber auch interessanter. Stattdessen wird die Figur ihre Lässige-Macker-Nummer ("Ficken und Schießen sind ein Ding") nun durchziehen bis zum Ende, ohne dass auch nur eine weitere Dimension dazukommen darf. Das kann man sexy finden, aber auf die Dauer ermüdet und enttäuscht es. Unfreiwillig? Oder womöglich doch mit Absicht, ohne dass jemand den Darsteller Moritz Bleibtreu informiert hätte? Haben die Macher da vielleicht gar ein Gegengift zur Legendenbildung gefunden? Die Rätsel häufen sich.

Leider verpasst

Auch bei dieser Verhaftungsszene, 1970 in Berlin. Da tut der Film so, als sei Baader der eigenen Dämlichkeit zum Opfer gefallen, unfähig, sich die falsche Identität zu merken. Tatsächlich lief er in eine Falle des Verfassungsschutzes. Diesen ganzen Hintergrund, der auch einen der größten Polizeiskandale der Nachkriegsgeschichte umfasst, kann der Film nicht zeigen. Wohl zu komplex.

Aber genau das wird von nun an das Dilemma sein: Die besten Wendungen der Realität, nach denen sich das Kino geradezu die Finger lecken müsste - der Autor Eichinger bringt sie leider nicht unter. Sogar am Ende, der berühmte Höhepunkt zum Haareraufen, als die Polizei schon einen Hinweis auf das Versteck der RAF-Geisel Schleyer hat, dann aber das Fernschreiben verlorengeht, Schicksalsgötter in Aktion, geradezu antikische Tragödie - weggelassen.

Da wird dann endgültig klar, wie hoch der Preis ist, den diese Verfilmung für ihren Anspruch bezahlen muss, zehn Jahre zu umfassen. Nur die Explosionen und Kugeln sind fast alle drin, sogar solche, die der Autor Aust nicht einmal erwähnt hat. Kopfschuss Petra Schelm, Bombe bei der US Army in Heidelberg, verstümmelte Soldaten, Rumms in Augsburg, Bumms in München, Anschlag bei Springer, Drenkmann-Hinrichtung, Botschaft Stockholm, Buback und die Motorradkiller, Ponto beim Kaffeetrinken, bang boom bang, Schleyer in der Vincenz-Statz-Strasse, ratatatatatatat. Und darüber immer wieder Bekennerschreiben, im Theatertremolo rezitiert.

Gewisse Denkkapazitäten

Der Effekt ist, nun ja: Nach einer Weile bleiben gewisse Denkkapazitäten unbenutzt, und man beginnt über Dinge zu grübeln, über die man eigentlich nicht nachdenken sollte. Zum Beispiel darüber, wie sehr die Schauspieler in der ganzen Hektik um ihren Auftritt, ihren Moment kämpfen müssen. Eindrucksvoll aufs Pflaster geknallt, Alexandra Maria Lara! Spektakulär ausgehungert, Stipe Erceg! Und Martina Gedeck, also dieser Augenblick in Einzelhaft mit den dröhnenden Neonröhren, wo der Wahnsinn von einem Ohr zum anderen übers ganze Gesicht zuckt: Respekt!

Fast tragisch wird die Sache dann bei Sunnyi Melles, die ja auch mal ein Star war, irgendwie, und hier nun für schätzungsweise drei Sekunden in einen VW steigen darf, nur um per Bombe wieder herausgeschleudert zu werden. Und danke. Die Melles spielt, wir haben nachgeschlagen, eine weithin vergessene Richtersgattin namens Gerta Buddenberg. Aber wenn Eichinger ruft, dann ist Dabeisein wohl wirklich alles.

"Dass ihr Schmerz unserem entsprechen wird", dieses RAF-Zitat scheint das Motto bei der Darstellung dieser endlosen Gewaltspirale zu sein, ein simples Reiz-Reaktions-Schema bis zum Ende. Der Vorwurf, die Filmemacher hätten sich dabei auf eine oder andere Seite geschlagen, trifft dagegen nicht.

Zwar werden Baader, Meinhof und Ensslin tatsächlich überhöht, viele Widersprüche sind ihnen ausgetrieben. Aber BKA-Präsident Horst Herold, als ihr weise raunender Gegenspieler auf staatlicher Seite, ist mindestens genauso idealisiert. Kein Wort von seinem Größenwahn, seiner schlimmen Terminologie von der "gesellschaftssanitären Aufgabe" der Polizei, stattdessen darf er einen hochvernünftigen Satz nach dem anderen sagen, über die Wurzeln des Terrorismus und die Ignoranz der Politik. Seine "Rasterfahndung" rückt zeitlich ein paar Jahre vor. Sie erscheint weit brillanter, als sie tatsächlich war - und Bruno Ganz' Hitler-erprobtes Großmimentum verleiht dem noch besonderen Nachdruck.

Gezielte Verwirrspiele

Nein, in politischer Hinsicht ist der Film nach allen Seiten offen, was auch durch das Spektrum der Reaktionen gespiegelt wird, die Zeitzeugen und Opferfamilien inzwischen zu Protokoll gegeben haben - wo die einen die Terroristen pervers heroisiert sehen, finden andere sie als kaltblütige Mörder entlarvt. Ein seltsam unreflektierter Konsens herrscht nur darüber, wie verdienstvoll die drastische Darstellung der RAF-Gewalt doch sei - dabei ist Gewalt im Kino doch längst eine Kategorie, die jenseits jedes Mitgefühls konsumiert wird.

Tatsächlich ist die politische und ideologische Zweideutigkeit des Films sicher gewollt - eine aus Hollywood importierte Blockbuster-Strategie. Das intelligentere Groß-Entertainment enthält dort seit einiger Zeit gezielte politische Verwirrspiele, siehe zuletzt "The Dark Knight": Hier ein Happen für die Anhänger der Selbstjustiz, dort ein Zwinkern für die Feinde des Überwachungsstaats, jeder darf sehen, was er sehen möchte, und am Ende hebt sich alles gegenseitig auf. So machen es Eichinger und Edel auch, clever auf der Höhe des Zeitgeists - nur ist der Trend, den sie bedienen, gerade schon dabei, recht schal zu werden.

Ein glasklarer Standpunkt, das wäre zur Abwechslung mal wieder dran, ein spektakuläres Statement, das die ganze dröhnende Aufregung am Ende auch rechtfertigen könnte. So aber ist dieser "Baader Meinhof Komplex" . . . eben doch nur ein Film.

DER BAADER MEINHOF KOMPLEX, D 2008 - Regie: Uli Edel. Buch und Produktion: Bernd Eichinger. Buchvorlage: Stefan Aust. Kamera: Rainer Klausmann. Schnitt: Alexander Berner. Mit Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck, Johanna Wokalek, Nadja Uhl, Stipe Erceg, Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara. Verleih: Constantin, 150 Minuten.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.688528
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 25.9.2008/rus
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.