Nach all der Aufregung ist es nun doch nur ein Film geworden: Die Verfilmung von Stefan Austs RAF-Klassiker trägt schwer am Reiz-Reaktions-Schema voller Blockbuster-Ambivalenzen.
Die Augen schließen, tief Luft holen, die ganze Voraufregung ausblenden, all das dröhnende Drumherum. Fokussieren, verdammt. Es ist nur ein Film.
"Baby" und "Katze": Moritz Bleibtreu und Johanna Wokalek als Andreas Baader und Gudrun Ensslin. (© Foto: Constantin Film)
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Ein unbedingt begrüßenswerter Film. Das kann man eigentlich sogar sagen, bevor man den "Baader Meinhof Komplex" gesehen hat. Er muss ja nicht gleich den Blick auf die RAF verändern. Begrüßen wir ihn doch erstmal, jetzt wo er endlich da ist. Hallo.
Begrüßenswert ist auf jeden Fall der Anspruch, den sich Stefan Aust, Bernd Eichinger und Uli Edel selbst auferlegt haben: Die historischen Fakten ihrer Geschichte möglichst korrekt zu präsentieren - "so authentisch, wie das bei einem Spielfilm möglich ist" (Aust). Kurz zur Erinnerung: Normal ist das nicht. Das deutsche Eventfernsehen zum Beispiel betrachtet Geschichte eher als teure Fototapete, vor der man Veronika Ferres ablichten oder melodramatische Dreiecksgeschichten erzählen kann. Es gilt sogar fast die Regel, dass man die Kosten einer solchen Fototapete kaum verantworten kann, ohne Veronica Ferres davor.
Wenn der Autor und Produzent Bernd Eichinger nun erklärt, aus Respekt vor seinem Gegenstand habe er auf all die dramaturgischen Eingriffe verzichtet, die er sonst benutzt, will das durchaus etwas heißen. Da hat einer, für seine Verhältnisse, einen Experimentalfilm gedreht - und trotzdem 20 Millionen Euro ausgegeben. Und ohne solche testosterongeschwängerten Großgesten wäre das deutsche Kino weiß Gott ärmer dran.
Suizidaler Anspruch
Zugleich aber ist damit natürlich ein hoher, fast suizidaler Anspruch aufgetürmt. Und die Macher begnügen sich auch keineswegs damit, ein paar Aspekte aus der Geschichte der Rote-Armee-Fraktion herausgreifen. Sie nehmen zehn Jahre, von 1967 bis 1977, und wollen die ganze Geschichte erzählen. Wie Austs Neunhundert-Seiten-Wälzer, auf dem alles beruht. Nichts Wichtiges darf fehlen, alles muss in zweieinhalb Stunden verständlich werden. Wenn es so etwas wie einen cineastischen Common Sense gibt, dann sagt der: Das kann gar nicht gehen.
Die wichtigsten Entscheidungen sind damit gefallen, bevor eine Zeile Drehbuch geschrieben, ein Zentimeter Film belichtet war. Und ja, man spürt ihre Folgen von Anfang an.
Es beginnt mit Ulrike Meinhof am Strand von Sylt, am 2. Juni 1967. Sie liest einen Artikel über die persische Kaiserin in der Neuen Revue, der sie zu einer berühmten konkret-Kolumne inspiriert, dann kommt eine nackte Frau vorbei, die das Ende ihrer Ehe bedeuten wird, gleichzeitig hat sie die Kolumne aber schon längst geschrieben, denn der Text wird bereits auf Flugblättern verteilt, während simultan der Schah und seine Frau in Tempelhof landen, die Studenten protestieren, die Jubelperser ihre Holzlatten umklammern. Dann wird losgeknüppelt. Dramaturgische Verdichtung nennt man das wohl, aber man muss auch festhalten: So kann es natürlich nicht gewesen sein. Reale Entwicklungen, reale Figuren existieren nicht im schnellen Vorlauf.
In Wallung
Andererseits: Was will man machen? Zehn Jahre in zweieinhalb Stunden. Jetzt mal Tempo hier. Während also die Studenten blutig geschlagen werden und Benno Ohnesorg stirbt, liest Meinhof Schlüsselsätze aus ihrer Kolumne vor. Damit ist das Hauptstilmittel des Films etabliert. Die Gewalt und ihre Begründungen, die Tat und das Bekennerschreiben werden stets übereinander geblendet, harte Action mit theoretischem Voice-over sozusagen, und am Anfang funktioniert das auch, gerade in seiner Atemlosigkeit, erstaunlich gut:
Der Zuschauer gerät in Wallung, die Emotionen sind sofort da, und wenn die Polizisten auch denkbar hart gezeichnet sind, so ist das doch begründet, in der damaligen Gnadenlosigkeit des Berliner Polizeiapparats, im Hass der Springer-Presse, in der Gleichgültigkeit des bürgerlichen Lagers.
Und trotzdem merkt man natürlich, wie man manipuliert wird. Aust, Eichinger und Edel sichern sich ab, für jedes Einschussloch können sie auf Anfrage den korrespondierenden Aktenvermerk aus der Tasche ziehen. Aber es bleibt Raum für Suggestion. Viel Raum. Gudrun Ensslin zeigen sie zum ersten Mal mit Baby und ihrem Verlobten Bernward Vesper bei den Eltern in Bad Cannstatt, zu einer Zeit, wo sie in Berlin bereits fieberhaft nach einer Antwort auf Ohnesorgs Tod suchte.
Ficken und schießen
Warum? Um kurz noch den bürgerlichen Hintergrund der Terroristen auszuleuchten vielleicht, oder um der Meinhof als intellektueller Leitfigur einen Vorsprung zu gönnen. Vesper jedenfalls ist gerade noch mal untergekommen: In ihrer nächsten Szene, neun Monate später, ist Ensslin bereits mit Baader zusammen, sie nennen sich "Baby" und "Katze". Eine Art Figuren-Sammelwut wird da sichtbar, die dann am Ende zu der erstaunlichen Zahl von 123 Sprechrollen führt. Aber unschuldig sind all diese Entscheidungen natürlich nicht.
Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum gewisse Denkkapazitäten ungenutzt bleiben.
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Ich habe "Todesspiel" gesehen - sehr sachlich.
Das Buch von Aust gelesen, na ja.
Und werde mir diesen Film gewiss nicht ansehen - habe ich spontan beschlossen als ich Anne Will angeschaut habe.
Bleibtreu hat es für mich auf den Punkt gebracht - es ist Kino und darum natürlich auch Unterhaltung. Und für mich ist dies kein Stoff für Unterhaltung.
Zum Film: Buch und Produktion Bernd Eichinger, mal ehrlich, was kann man da schon erwarten?! Bestimmt keine tiefgreifende, fundierte 'Aufarbeitung', bzw. Darstellung der Geschichte (eine Aufarbeitung ist durch einen Film sowieso nicht möglich).
Danke für Ihre Ausführungen.
Wenn die Rote Fahne flattert, ist der Verstand erst im Erregungszentrum und dann in der Knarre. Auch ich kann mich noch ziemlich gut an die 67/68er Tage erinnern, als die ehemals urchristlichen Hochmoralisten wie Rudi Dutsche und Ulrike Meinhof, früher "pazifistisch bis auf die Knochen" (U. Enzensberger), nunmehr mit dem bewaffneten Widerstand liebäugelten. Andere sahen satirisch/surrealistisch in brennenden Kaufhäusern und Konsumbürgern ("burn, warehouse, burn") ein flammendes Fanal - daß dergleichen jemand wahrmachen könnte, schien uns absurd, Ensslin hin, Grass' Dackel her. Sehr wohl habe ich aber auch jene hochfahrenden Agitprop-Revoluzzer in unseren radikaldemokratischen Grüppchen noch vor Augen, deren unduldsamer Tonfall von diesem schwadronierenden Bannerschwinger bewahrt worden ist- "Krieg Du erst mal das richtige Bewußtsein!" - "Brecht dem Schütz die Gräten, alle Macht den Räten!" - "Es war die notwendige Konsequenz aus Marx' HistoMat, daß Stalin die Kulaken vernichtete". Angesichts des menschlichen Rührens in meinen Gedärmen darob blieb nur die Wahl: Austreten oder Austreten. Kam man dennoch zurück, hatte sich die Gruppe gerade wieder zerlegt - zu den unbegreiflichen Zügen dieser Apo-Linken gehörte es, an die Solidarität zu appellieren und dann doch humorlos individualistisch, eben spaltpilzig zu handeln. Übrigens - wer wirklich abgewogene Ansichten zur RAF und ihren Ursprüngen lesen will, sollte zu Willi Winkler (2007) greifen oder die Binnenansichten zum Sympi-Umfeld sich in Bernhard Schlinks Roman "Wochenende" (2008) zumuten.
Lieber rack66,
Zu Ihrem Lieblingsthema, der Täter-Opferdebatte, habe ich folgendes beizutragen:
Meine Eltern, deren entscheidend prägende Jahre unter Adolf Hitler verliefen, habe ich,
wie jeder andere auch in meiner Situation, mit Fragen nach der Ost-West-Problematik
bzw. der Mitwisserschaft des NS-Regimes interviewt.
An die Erbarmungswürdigkeit des Diskussionsniveaus, wer denn der Böse und wer der Gute sei, und an die geradezu dümmliche Erbsenzählerei, auf wessen Seite wohl mehr Opfer zu beklagen gewesen sein und warum, erinnere ich mich mit Schaudern.
Der böse Russe und der gute Amerikaner - bis zum Abwinken.
Ich bin nicht empathiefrei oder kalt - ich bin froh, dass ich niemanden beklagen muss.
Im Grunde genommen verkaufen Sie den Lesern die Tatsache, dass Sie vom Tuten und Blasen keine Ahnung haben, als Bescheidwisserei.
Strategie herrschender Kräfte ist es, dass das Fakten- und Zusammenhangsverstehen
tunlichst unterbleibt. Aus dieser Lücke saugen sie alle Honig: die Austs, auch viele Schauspieler, die sich Profilierungseffekte und viel Geld davon versprechen. Die Eichingers und die Edels.
Und so viele andere, die völlig gedankenlos nach der Maxime leben: Mache es ich nicht,
dann macht es eben ein anderer.
Sie kommen nicht dran vorbei:
1. Ob bei der 67er Revolte des 2. Juni gegen den Schah von Persien und seine geschichtlichen Nachwirkungen oder
2. Ob bei der Demonstration gegen das Atomkraftwerk Brokdorf in den 70er Jahren:
a. Die ersten Gewehrkugeln kamen von den Staatskräften.
b. Die erste Gewalt ging von prügelnden Polizisten aus.
Daraus resultiert auch, wer all das sinnlose Blutvergiessen hätte verhindern können,
aber es offenbar viel lieber benutzte, um noch fester im Sattel zu sitzen als zuvor.
Und hier nochmal mein Statement, zu dem ich Wort für Wort stehe:
Die RAF ist nicht eine Vorlage für billigste Unterhaltung, Geschichtsklitterung
und -verklärung und Sensationshascherei, sondern ein Lehrstück dafür, wie ein durch
primär Springerpresse aufgehetzter Staat willkürlich anfängt, Jugendliche zu ermorden
(nicht nur Benno Ohnesorg!) und damit eine Maschinerie in Gang setzt, die er nur noch
mit bis heute nicht rechtlich geklärten Gesetzesübertritten (unter der Leitung von
Helmut Schmidt) anno 1977 stoppen kann.
Und lernen Sie eins: Eigenständiges Denkvermögen und eigenständigen Diskurs.
Nachplappern, was "in" ist, zählt nichts! Also ersparen Sie uns das bitte!
Paging