Jugendbuch Zur falschen Zeit geboren

Ein Sommer in Portugal, ein Mädchen und sein Vater forschen nach ihrer Familiengeschichte. Reise durch ein Land, in dem die Träume geplatzt sind. Ein literarisch besonderes Buch aus Portugal.

Von Christine Knödler

Eine frühe Erinnerung ist die an die roten Zahlen der Mikrowelle. Aus ihnen, sagt die damals achtjährige Bolota, besteht die Zeit. Ihre Mutter sagt, Bolota sei zur falschen Zeit geboren worden. Und weil das Mädchen diesen Satz nicht versteht - so wenig wie vieles andere, das zu der Zeit passiert -, nimmt es die Spurensuche auf, die zur Sinnsuche wird und Bolota zur Erzählerin ihres eigenen Familien-Dramas macht. Denn sie erweist sich als überaus empathische und genaue Beobachterin. Ihr entgehen die Dinge, die nicht stimmen, so wenig wie die Stimmungen, die Stimmen. Sie hört, was gesagt wird und was nicht, was stattdessen seltsam im Raum zu schweben beginnt, bis es sich wie eine Staubschicht auf die Möbel und Menschen legt, sie erst zudeckt, dann versteinern lässt.

Dass die Räume immer kleiner werden, die Menschen müder, schließlich lauter schweigen als sprechen, ist nur eine von Bolotas Beobachtungen. Eine andere, dass Spitznamen viel mehr verraten als die eigentlichen Namen. "Blanche" und "Schwarzer Elch" sind Mutter und Vater, die ältere Schwester heißt "Miss Kitty", der steinalte Bruder "das Fossil", der geliebte Familienhund wird zum Titel gebenden "Bruder Wolf". Die alten Tanten mit ihren faltigen Hälsen, die auf ihrem Geld sitzen wie Drachen auf Goldschätzen, verwandelt Bolota in Dinosaurier.

Das ist komisch und zugleich mindestens halbtraurig - noch interessanter wird es, wenn man Bolotas Materialsammlung, die Anspielungen, Analogien, Assoziationen miteinander kurzschließt. Dann wird die Verwandlung der Wirklichkeit in Fantasie nicht nur zu einer Erzählstrategie, sondern auch zu einer Bewältigungsstrategie: um Realität leben zu können und Erinnerung aushalten zu können. Die erzählt die portugiesische Journalistin und Autorin Carla Cristina Maia de Almeida in zwei Strängen, auch optisch gekennzeichnet: Blau hinterlegt ist die Zeit zwischen Bolotas achtem und 15. Lebensjahr, die Zeit des sozialen Abstiegs ihrer Familie; die Stationen: Arbeitslosigkeit, Armut, Trennung. Die Reise, zu der Bolota und Schwarzer Elch aufbrechen, steht auf weißem Grund. Pechschwarz wird der, als Weiß und Blau aufeinander treffen, als der letzte Traum des Vaters geplatzt ist, Wirklichkeit, Traum, Albtraum nahtlos ineinander übergehen und in einer Katastrophe enden. Den "Sommer der Großen Durchquerung der Todeswüste", wie Bolota das nennt, wird er nicht überleben, aber als Held in die ewigen Jagdgründe eingehen.

"Nicht alles lässt sich mit Worten erklären", lautet eine Entdeckung von Bolota. Selten ist dieser Satz so konsequent umgesetzt worden. Wo Worte nicht greifen, erfinden de Almeida und die Übersetzerin Claudia Stein Bilder wie eine eigene Sprache, von den Illustrationen Jorge António Goncalves' meisterhaft ergänzt. Denn das ist das Herausragende dieses Romans für Kinder, der in seiner Vieldeutigkeit gehoben werden will wie ein Schatz: dass er dem Erzählen und Verstehen neue Seiten abgewinnt. Am Ende ist Bolota nicht nur zur Erzählerin allererster Güte geworden. Wie eine Sprachforscherin hat sie Schicht für Schicht abgetragen und Satz für Satz und Stein auf Stein auf den Ruinen ein neues Fundament errichtet. Um weiter leben, weiter erzählen zu können: ein literarisches Ereignis. (ab 12 Jahre)

Carla Cristina Maia de Almeida: Bruder Wolf. Aus dem Portugiesischen von Claudia Stein. Mit Illustrationen von Jorge António Goncalves. Sauerländer 2016. 160 Seiten, 14,99 Euro.