Jochen Rausch: "Trieb" Der Horror im Eigenheim

Ärzte, die ihre Familien anzünden, und eine Frau, die Kinder in einer Sandkiste umbringt: Jochen Rauschs 13 Geschichten von Morden im Affekt erzählen außerordentlich pointiert vom geheimen inneren Leben der Deutschen.

Von Till Briegleb

In den Nachrichten hört man nichts von solchen Taten: Dass ein Paar einen Bauern in seinem Stall zerlegt, ganz akkurat alle Glieder abtrennt und sie dann wie ein Kunstwerk drapiert zwischen den Schweinen zurücklässt - sein Gemächt auf einem Teller mit Goldrand, seine Augen auf eine Mistgabel gesteckt. "Saw Germania", gibt es das? Jochen Rausch jedenfalls erzählt davon.

Jochen Rausch

Gibt es eine Normalität? Oder sehnen wir uns nur danach? Jochen Rausch nimmt kunstvoll die Vorstellung auseinander, dass es eine Idylle gibt - vor allem in Paarbeziehungen.

(Foto: Screenshot: www.jochenrausch.com)

Der Programmchef von "Radio 1Live" beim WDR arbeitete lange als Gerichtsreporter und hat nun 13 Erzählungen versammelt, die ein Thema umkreisen, das einst - in der Zeit von George Grosz, Gottfried Benn und Fritz Lang - mal sehr deutsch war, seit einigen Jahrzehnten aber mehr vom Hollywood-Horror ausgemalt wird: das ewig präsente Lauern enthemmter Aggression unter der dünnen Haut der Wohlanständigkeit.

"Trieb" nennt Rausch seine Geschichtensammlung - auch so eine schwelende Vokabel, die seit der Erfindung der Psychoanalyse an Neutralität gewonnen hat, aber ihr Unbehagen im Sprachgebrauch doch nie verliert. Und diese Ambivalenz ist es, der Jochen Rausch in seinen Erzählungen von Affektmorden nachspürt. Systematische Analytiker - etwa Therapeuten und Kriminalbeamte - sowie geschockte Mitmenschen leihen dem Autor ihre unterschiedlichen Ansichten, um die Motive von Menschen zu erfassen, die, obwohl aus Leidenschaft, scheinbar kaltblütig morden.

Eine Frau, die nach einer Kurzaffäre auf einer griechischen Insel den flüchtigen Liebhaber erst belästigt, dann terrorisiert, ihm hinterherzieht und schließlich seine Kinder in der Sandkiste umbringt; ein stumpfer Tresenalkoholiker, der seine nette Nachbarin erschlägt, weil sie ihm ausgerechnet dann kein Geld mehr leihen will, als in seiner Kneipe zwei Frauen mit ihm schäkern; oder der merkwürdige Heidelberger Student, der sich in eine geistig zurückgebliebene Kellnerin in Tirol verliebt, doch sie langsam mit Thallium vergiftet, als sie einen Bauern nimmt; dies sind die Charaktere, mit denen Jochen Rausch in seinen 13 Geschichten das Misstrauen gegen eine Wahrnehmung schürt, die unsere Zivilisation für gefestigt und psychologisch stabil hält.

Obwohl in diesem Buch brave Unternehmer vorkommen, die als Cowboy verkleidet Pferde penetrieren, Geldadel, der Prostituierte auspeitscht und angekettet an der Heizung vergisst, und Ärzte, die ihre Familie anzünden, sind diese erfundenen Reportagen weder reißerisch noch anklagend. Rausch sucht Mitgefühl durch Sachlichkeit. Ihn interessieren die Masken, hinter denen die Menschen ihr Leid verbergen, und die große Diskrepanz zwischen dem Tages- und dem Hassgesicht. Er beschreibt die Gefühle der Täter in der gleichen Kühle wie die Fassungslosigkeit der Zeugen und manchmal auch die arglosen Empfindungen der Opfer, eine Temperatur, die gelegentlich an Bret Easton Ellis' Romane über amerikanische SocietyZombies erinnert.

Viele Tote, aber kein Requiem

So wie Rausch aus den widersprüchlichen Einschätzungen eine letztlich nüchterne Bestandsaufnahme des Ungeheuerlichen montiert, spielt die Schuldfrage allerdings nie eine Rolle. Es gibt "das Böse" in dieser Autopsie menschlicher Tragik an keiner Stelle. Mit Krimi hat dieses Kabinett der Getriebenen deshalb so wenig zu tun wie mit moralischer Verurteilung. Was Jochen Rausch hier kunstvoll auseinandernimmt, ist die unhaltbare Vorstellung, es gäbe eine Normalität - vor allem in Paarbeziehungen.

Das wirklich Besondere an diesem schmalen Zyklus der Skepsis sind allerdings weniger die überraschenden Täterprofile als die Form der Annäherung. Wie ein literarischer Gestaltwandler wechselt Rausch die Häute und Ich-Perspektiven der deutschen Soziokultur mit einer Leichtigkeit, die von einer sehr genauen Menschenkenntnis zeugt.

Der ehemalige Hartz-IV-Empfänger, der seiner Frau angewidert von entregelten Sektempfängen an der Hamburger Elbchaussee erzählt, für die er jetzt arbeiten muss, wird ebenso mit wenigen Strichen plastisch wie die unglückliche Gefängnistherapeutin, die einer Kindsmörderin einen Kuli in den Bauch rammt, oder der blendend aussehende Autotester. Schnörkellos und dabei vielstimmig komponiert Rausch mit seinen Figuren ein fast soziologisches Porträt der deutschen Gesellschaft, das trotz der vielen Toten kein Requiem wird.

Denn die Morde aus Leidenschaft, Hass, Rache oder Überheblichkeit schaffen nur einen Fluchtpunkt, auf den hin diverse menschliche Sehnsüchte in ihrem Recht und ihren Grenzen beschrieben werden. Sehnsüchte nach Glück, nach Freiheit, nach anständigem Benehmen, aber auch nach Entgrenzung und Lustbefriedigung. In der großen Themenbreite seiner Geschichten, die letztlich alle aus Randfiguren komponiert sind, gelingt es Rausch außerordentlich pointiert, vom geheimen inneren Leben der Deutschen zu erzählen. Und dort gilt die Selbstkontrolle offensichtlich so wenig, dass man den Alltag schon fast als Exil der Vernunft begreifen muss.

Vorsicht also bei souveränem Verhalten! Es ist vielleicht nur ein Teller mit Goldrand.

JOCHEN RAUSCH: Trieb. 13 Storys. Berlin Verlag, Berlin 2011. 210 Seiten, 18,90 Euro.