Mehr Einsparungen, weniger Qualitätsberichterstattung? Medien-Experte John Lloyd aus Oxford spricht über die Personalisierung des Journalismus und erklärt, wie die Tageszeitung den Kampf um den Leser gewinnen kann. Der Start unserer neuen Serie "Zeitenwechsel".
"Zeitenwechsel" - eine neue Serie zur Zukunft des Journalismus geht Trends in der Presse und im Internet nach. Zusammen mit dem Berliner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik bereitet sueddeutsche.de dabei in den nächsten Wochen acht Interviews mit namhaften Experten auf. Den Anfang macht John Lloyd, Herausgeber der Financial Times und Direktor des Reuters Institute for the Study of Journalism an der Oxford University. Alle Interviews werden unter sueddeutsche.de/zeitenwechsel abrufbar sein.
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John Lloyd glaubt an die Zukunft der Zeitung in Symbiose mit dem Medium Internet. (© Foto: privat)
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SZ: Mr. Lloyd, mittlerweile ist es fast schon beängstigend still geworden um Rupert Murdochs neueste Errungenschaft, das "Wall Street Journal". Ist das nur die Ruhe vor dem Sturm?
John Lloyd: Um es mal so zu sagen: Es hat für mich den Anschein, als ob Familienunternehmen wie das der Grahams mit der "Washington Post" und das der Sulzbergers mit der "New York Times" immer noch besser darin sind, Qualität und Unabhängigkeit aufrecht zu erhalten. Das gilt übrigens auch für Stiftungen wie die, die den "Guardian" und "Le Monde" herausgeben - oder für kleinere Unternehmen wie Pearson mit der "Financial Times" und Dow Jones mit dem "Wall Street Journal". Diese Unternehmen geraten jetzt allerdings zunehmend unter Druck, wie die Übernahme von Dow Jones zeigt. Das heißt: wir müssen mit noch mehr Einsparungen, weniger Qualitätsberichterstattung und wahrscheinlich auch weniger Unabhängigkeit rechnen.
SZ: Wo liegt denn das Problem? Geht die Qualitätspresse nicht konsequent genug auf die veränderten Nutzungsgewohnheiten ihrer Leser ein?
Lloyd: Das kommt drauf an. "Washington Post", "Guardian", "Le Monde" und "La Repubblica" haben beispielsweise sehr erfolgreiche Internetauftritte etabliert, die inzwischen viel mehr Leser erreichen als ihre Druckausgaben. Doch genau darin liegt das Paradoxe: Ihre Inhalte werden von einem größeren Publikum gelesen, aber ihre Auflagen und Einnahmen sinken - für einige Titel sogar in sehr kritische Regionen. Ich sehe da momentan keinen Ausweg.
SZ: Dabei mangelt es ja nicht an Versuchen, das Ruder rumzureißen.
Lloyd: Die Qualitätsblätter haben ja schon alles versucht. Schauen Sie sich "The Times" und "The Independent" an, das waren mal die führenden Stimmen Großbritanniens. Aber nachdem beide auf das Tabloid-Format umgestellt haben und jetzt häufiger mit Gesundheits- und Lifestyle-Geschichten als mit den wirklich großen Themen aufmachen, hat zumindest die "Times" ihre Rolle als offizielle Chronistin des politischen Zeitgeschehens eingebüßt. Der "Independent" ist dagegen zu einem "Viewspaper" mit meinungslastigen, fettgedruckten Storys auf der Titelseite verkommen. Egal, ob "Times", "Independent", "Guardian" oder "Telegraph" - alle verlieren kontinuierlich an Auflage. Die einzige Qualitätszeitung, die derzeit zulegt, ist die "Financial Times" - und die hat sich am wenigsten verändert. Meiner Meinung nach liegt der Großteil ihres Erfolg an der globalen Leserschaft und einer thematischen Nische: die der hochrangigen Wirtschaft und Politik.
SZ: Könnten traditionelle Stilformen wie die Reportage oder der investigative Report nicht die Ehrenrettung für die Qualitätspresse bedeuten?
Lloyd: Viele denken ja, dass gerade lange Reportagen und die investigative Berichterstattung das Hauptproblem sind für die desolate Situation der Presse - und zwar deshalb, weil die Leute das alles gar nicht lesen. Unsere Aufgabe als Journalisten ist es also herauszufinden, wie wir diese Formate, die wir für besonders wichtig halten, lesbar machen. Was wir dabei nicht übersehen dürfen, ist, dass die meisten der langen Formate inzwischen in Büchern publiziert werden. Noch vor 20 Jahren hat kaum ein Journalist Bücher geschrieben. Jetzt tun das offenbar alle.
SZ: Könnte der Staat der Presse mit Beihilfen unter die Arme greifen?
Lloyd: Nein! Zeitungen sind reine Markterzeugnisse. Jede bezuschusste Zeitung würde früher oder später harmlos werden.
Auf der Seite 2 verrät John Lloyd, welche Medienrevolutionen noch zu erwarten sind.
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Schuldenkrise in Griechenland
Vor allem bei Wirtschafts- und Unternehmensthemen, jetzt wieder bei der Generale: Selbst in so einem Leitmedium der Qualitätspresse wie der ZEIT fand ich die fundierten Beiträge dazu in den Leseforen, wo, wie es scheint, Insider aus den Banken, im Schutze der Anonymität, die bisherigen offiziellen Aussagen, die von den Medien , auch der Qualitätspresse, übernommen wurden, Punkt für Punkt gnadenlos zerpflücken. Diese Frechheit gegenüber Finanzherrschern kann sich eben nicht jeder Verlagsangestellte leisten.
Da muss sich einer von euch, möglicherweise von der Schule geflogen, wie mein Freund, jetzt beim Stern, oder zumindest den NC nicht geschafft, mit einem anspruchsvollen Thema befassen, mit niedrigsten Recherchekosten auskommen und den Wunsch der Chefs gemäß genau die Richtung treffen und alles, was die Chefs nicht wollen, unter den Teppich kehren. Und dann gibts diese ungehörigen Kommentare online. Da kippen Menschen, die bei dem Thema viel besser Bescheid wissen, völlig ohne Rücksicht auf vorgeschriebene Linien, ihre fundierten Argumente, gelegentlich sogar interessanter formuliert, auf die Seiten von SZ-Online, oft noch garniert mit Spott und Hohn auf den Redaktionsschreiber. Son Leiden kann nur einer ertragen mit allerbestem Gehalt, und das bekommt Ihr doch,, oder?
... und zwar der Quick-and-dirty-Journalist:
Schlecht recherchieren.
Besser nicht nachfragen.
Keine Hintergründe darstellen.
Den Annoncierenden nach dem Munde reden.
Das alles können Amateure viel schneller und billiger, siehe BILD-Leserreporter.
Für den U-Journalismus (U wie Unterhaltung) reicht die Betroffenheit des Konsumenten bis zur nächsten Werbung. ABER: Mehr Erkenntnis hat der Konsument damit nicht.
SZ: Könnte der Staat der Presse mit Beihilfen unter die Arme greifen?
Lloyd: Nein! Zeitungen sind reine Markterzeugnisse. Jede bezuschusste Zeitung würde früher oder später harmlos werden.
SZ: Wie viel Zeit geben Sie der Papierzeitung noch, welche Titel wird es auch in 20 Jahren noch geben?
Lloyd: Der springende Punkt ist, dass Papierzeitungen den Übergang ins Netz schaffen und dort genug Geld verdienen müssen, um eine beachtliche Belegschaft an Korrespondenten zu finanzieren. Scheitern sie damit, ist es egal, ob sie überleben oder nicht.
SZ: Stehen in naher Zukunft noch weitere Medienrevolutionen an?
Lloyd: Das größte Problem für den Journalismus aber ist, ob das, was wir "Public Service Journalism" nennen, also die Analyse und Recherche, aber auch Schlagzeilen, überlebt oder nicht und wer das finanzieren wird.
Hierzu ist folgendes anzumerken:
Während die Medien bis in die 70er Jahre primär als verantwortlicher Teil des politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Systems begriffen wurden, als Faktor der Meinungs- und Willensbildung, als Instrument zur Herstellung von Öffentlichkeit, sind sie heute vor allem eines: Wirtschaftsfaktor. Wenn über Medien diskutiert wird, dann geht es meist primär um Märkte, Zukunftstechnologien und Standorte.
Medien und Journalismus sind aber mehr als ein Gewerbe, mehr als eine reine Wirtschaftstätigkeit sein sollten.
Es muss ein Minimum an ethischen Standards gelten. Wir können es auch es eine Verantwortungsethik der Journalisten nennen.
Die Verpflichtung zur Wahrheit,
die Sorgfaltspflicht,
das Fairnessgebot,
die Achtung des Privatlebens, der Persönlichkeitsrechte,
die Achtung vor sittlichem und religiösem Empfinden,
Wenn sich die Verhältnisse also so gestalten, dass die Medienmacher und damit auch die Journalisten keine Rücksicht mehr auf ethische Standards nehmen können, um nicht wirtschaftlich zu scheitern , dann sollte es doch die dringliche Aufgabe aller politisch Verantwortlichen sein, Verhältnisse zu schaffen, in denen man auch als Medienproduzent wieder Moral haben kann
Also, die Politik ist gefordert. Wenn man die Medien, den Journalismus den neoliberalen Gesetzen überlässt ist dies nicht zu leisten.
Als ich ganz jung war fuhr die Eisenbahn noch mit Dampfloks. Die machten einen Heidenlärm, stießen während der Fahrt fette Rußwolken aus, sodass die Reisenden Staubmäntel anzogen ,um die Kleidung nicht zu beschmutzen lassen. Außerdem zockelte son Dampfzug ganz gemächlich durch die Gegend.
Etwas länger gab es Zeitungen, die aus billigstem Schmuddelpapier bestanden und auf denen mit Rußfarbe Buchstaben gedruckt waren. Für jede Zeitung musste man extra bezahlen Nach dem Lesen mussten wir uns die Hände waschen.
Die Nachrichten aus aller Welt kamen erst mit täglicher Verspätung beim Leser an. und dann waren sie noch zensiert und verstümmelt, sogar die Polizeiberichte. Als Verbrecher gab es nur junge Männer, die hatten weder Haut- noch Haar-Farbe, noch Vornamen, noch Herkunft, noch Sprache. Nach dem Lesen musste man das Papier in ne spezielle Mülltonne bringen, für dann man auch noch bezahlen musste
Daraufhin waren die Enkel sehr glücklich, dass sie in einer Welt mit ICE und Internet leben konnten.
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