Internet-Kolumne Nachrichten aus dem Netz

IT-Konzerne profitieren von ihren Nutzern viel mehr als umgekehrt. Es gibt Firmen, die gegen dieses Ungleichgewicht vorgehen und den Nutzern geben, was sie nicht haben: einen Eindruck davon, was IT-Konzerne über sie wissen - ihr digitales Spiegelbild.

Von Michael Moorstedt

Wie überall sonst ist der Kapitalismus auch im Internet nicht unbedingt gerecht. Die einen nehmen ein bisschen mehr, die anderen geben ein bisschen mehr. Selten wird das so deutlich wie im Geschäft mit persönlichen Informationen im Netz. Je länger der Tauschhandel Daten gegen Service andauere, der ja so gut wie alle Geschäftsmodelle im Netz antreibt, desto unfairer werde er, schrieb der US-Psychologe und notorische Google-Kritiker Robert Epstein in der vergangenen Woche in einem wütenden Essay auf Vice.com. Denn während die IT-Konzerne durch jahrelange Akkumulation immer genauere Datenprofile ihrer Nutzer erstellen können, bekommen diese Tag für Tag nur den immer gleichen Service zur Verfügung gestellt.

Immer mehr Menschen entwickeln ein Gespür für dieses Ungleichgewicht. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Pew befürchten inzwischen 91 Prozent aller Nutzer, dass sie die Kontrolle darüber verloren haben, wer ihre persönlichen Daten benutzt und wie diese benutzt werden. Es braue sich ein Sturm zusammen, so lautete auch das Fazit der Fachkonferenz "My Data" Anfang September. Eine Menge Sozialwissenschaftler, Aktivisten und IT-Menschen trafen sich in Helsinki, um darüber nachzudenken, wie man die Datenungerechtigkeit mildern könnte.

Und weil der Ärger der Nutzer schon eine ganze Weile brodelt, haben findige Unternehmer bereits Ideen in petto, wie man dieses neue Bedürfnis der Menschen befriedigt - und auch noch ein bisschen Profit damit macht. Firmen wie Digi.me und Meeco versprechen den Nutzern, die Hoheit über ihre persönlichen Informationen wieder zurückzuerlangen. Die Menschen sollten selbst entscheiden dürfen, an wen sie ihre Daten verkaufen, sagen die Gründer und haben sich dafür den schmissigen Slogan "Internet of Me" erdacht.

Auch beim britischen Start-up CitizenMe glaubt man, eine Lösung für das Ungleichgewicht gefunden zu haben. Der Gründer StJohn Deakins verspricht, sämtliche kreuz und quer im Netz verstreuten Datenpunkte über die Nutzer zu sammeln. Daraus entstehe dann ein "digitaler Spiegel", ein komplexes Bild aus Kaufgewohnheiten, Gesundheitsdaten oder Standortinformationen. Der Nutzer könne sich endlich so betrachten, wie ihn auch die IT-Konzerne sehen.

Das bedeutet aber nicht nur Selbstermächtigung, sondern auch Profit für den Einzelnen. Wer bereit ist, seine Daten zu teilen, etwa indem er Meinungsumfragen beantwortet oder Marktforschungsunternehmen Zugriff auf seine kürzlich gesendeten Social-Media-Postings erlaubt, bekommt von Citizen Me ein kleines Honorar. All das, so heißt es, gehe natürlich nur streng anonymisiert vonstatten.

Acht britische Pfund könnten die Nutzer pro Woche so erlösen, so Deakins. Das ist zwar eher ein symbolischer Betrag und reicht nicht mal für ein Mittagessen, ist aber allemal besser als der Status quo. Schätzungen zufolge generiert der weltweite An- und Verkauf von persönlichen Daten einen Umsatz von 200 Milliarden Dollar im Jahr. Bislang betrug der Anteil derjenigen, die diese Daten produzieren - nämlich die Nutzer - daran: null Komma null.