Internationale Literatur Die wortlose Liebe

"Mein Buch ist eine Liebeserklärung an die arabische Welt": Saleem Haddad mit seinem Roman "Guapa" im April 2016 in New York.

(Foto: imago stock&people)

Nach dem Arabischen Frühling: Saleem Haddad, der in Kuwait geboren wurde, erzählt in seinem Debütroman "Guapa" vom Leben und vom schwierigen Coming Out eines jungen, arabischen Schwulen.

Von Jonathan Fischer

Rasa braucht die Guapa-Bar wie ein Gefangener den Freigang. Dem jungen Übersetzer liefert die Großstadtkaschemme einen jener kleinen Freiräume, die das Leben in einer arabischen Diktatur erträglich machen. Hier treffen sich Rasa und seine Freunde, hier planen sie bei einigen kühlen Bieren die nächsten Schritte einer ins Stocken geratenen Revolution, hier lamentieren sie über die Willkür von Polizei und Staat - während im Keller Dragqueens posieren und westliche Touristen nach willigen Jungs Ausschau halten. Das Guapa scheint all die Kräfte zu bündeln, die den Ich-Erzähler Rasa in seinem Inneren zu zerreißen drohen. Nirgends sonst kann er sich entspannen. Nirgends sonst darf er zu seinen widersprüchlichen Identitäten stehen: arabisch, westlich gebildet, gesellschaftskritisch - und ja, schwul.

"Guapa", der Debütroman des in London lebenden arabischen Autors Saleem Haddad, spielt während des Arabischen Frühlings 2011. Er beschreibt nur einen Tag im Leben Rasas. Aber diese 24 Stunden reichen aus, um das politische Schicksal einer ganzen Generation junger Araber sichtbar zu machen. Rasa ist voller Hoffnung von seinem Studium aus Amerika zurückgekehrt. Mit ein paar Freunden betreibt er ein Übersetzungsbüro in einer arabischen Großstadt, die Kairo, Amman oder auch Damaskus heißen könnte. Westliche Journalisten sind ihre Kunden. Doch die Revolution hat den Falschen in die Hände gespielt, sie scheint sich immer weiter von Rasas Idealen zu entfernen.

Die Großmutter schaut durch das Schlüsselloch und entdeckt das sorgsam gehütete Geheimnis

Und dann ist da noch seine Großmutter. Teta, in deren Haus Rasa lebt und deren Macht als einzig verbliebenes Familienmitglied so durchdringend und gnadenlos zu sein scheint wie die des Präsidenten, dessen Blick, "einen Schicht für Schicht entblößt, bis man ganz nackt und hilflos ist", hatte Rasa gelehrt, die Welt durch ihre traditionelle Brille zu sehen. Aber diese Welt ist an diesem Morgen zersprungen. Denn Teta hat durch das Schlüsselloch geschaut. Sie hat Rasas sorgsam gehütetes Geheimnis entdeckt - seine leidenschaftliche Beziehung zu seinem Freund Taymour. Tetas Geschrei, ihre Andeutungen, sie sind für Rasa kaum zu ertragen.

Die größte Triebkraft der Handlung ist die Scham, "Eib". Dieser schillernde arabische Begriff appelliert - anders als das für religiöse Verbote stehende haram - an das Dekorum, die soziale Verpflichtung des Einzelnen. Eib verleiht Rasas Ringen eine Dramatik, mit der es keine Coming-out-Geschichte in einer westlich-liberalen Gesellschaft aufnehmen kann. Eib schneidet Rasa von der Liebe und Freiheit ab, Eib entfremdet ihn seiner eigenen Familie. Wegen Eib zieht sich Taymour, der versucht, "nach den Regeln zu spielen, einen Fuß drinnen und einen draußen", von Rasa zurück, der mit seiner Sehnsucht allein bleibt und auf dem Handy Liebesbriefe schreibt, die wie Selbstgespräche klingen.

Rasa tanzt das ganze Buch hindurch einen Tanz um die eigene Scham. Den Gegenpol zu Taymours Haltung bildet sein alter Schulfreund Maj. Dieser wird - als bekennender Schwuler und Menschenrechtsaktivist - nach einer Razzia in einem Schwulen-Kino inhaftiert. Maj, der als Dragqueen mit Marilyn-Monroe-bedrucktem Niqab auftritt, die Zumutungen der Hetero-Normalität zurückweist und westliche exotisierende Zuschreibungen demaskiert, verkörpert die Hoffnung auf ein anderes Leben. Rasas Bemühen, den Freund aus dem Gefängnis zu holen, ist auch ein Kampf um seine eigene Würde. Und dann spielt da noch ein anderes, ziemlich eigenständiges Motiv mit: das Ringen um die richtigen Worte. Rasa erinnert sich an ein Erweckungserlebnis als Teenager. Nachdem sich sein Idol, der amerikanische Popstar George Michael, öffentlich zu seinem Schwulsein bekannte, wollte Rasa es ihm gleichtun, stand stundenlang vor dem Spiegel und formte Worte, suchte nach einem passenden arabischen Begriff für seine sexuelle Orientierung. Aber keiner passte.

So liest sich "Guapa" auch als Geschichte einer quälenden Desillusionierung. In einer der stärksten Szenen des Buches begleitet Rasa eine amerikanische Journalistin zu Ahmed, einem Islamistenführer. Rasa soll eigentlich nur dolmetschen. Aber dann entwickeln Ahmeds Reden eine ungeahnte Anziehung auf den jungen Landsmann. Der islamistische Visionär will einen neuen Staat rund um Moscheen statt um Klassengrenzen bauen, und er will seinen bei Protesten umgekommenen Sohn rächen: "Wir werden das gesamte Land brennen lassen, damit sein Tod nicht umsonst war." Diese Klarheit der Position und "Authentizität" vermisst Rasa in seinem eigenen Leben. "Wie kann ich ihnen erklären, dass ich wie sie ein Unverstandener bin, vom Regime und den Medien verteufelt?"Aber mit ihrer Solidarität, das ahnt Rasa, kann er als schwuler, westlich orientierter Mann nicht rechnen.

Der Autor hat die Post-Depression des arabischen Frühlings erlebt, aber jeder Zynismus ist ihm fremd

In solchen Momenten liegen die Parallelen zur Biografie des Autors offen, nicht vom Plot her, sondern im Blick auf die inneren Konflikte. Das Gefühl, nirgends dazuzugehören, kennt Saleem Haddad nur zu gut. Er wurde in Kuwait als Sohn einer irakisch-deutschen Mutter und eines libanesisch-palästinensischen Vaters geboren, wuchs als Christ in einer überwiegend muslimischen Gesellschaft auf, hatte sein eigenes traumatisches Coming-out und lebt heute mit seinem Lebenspartner in London. In den Jahren von 2011 bis 2014, als dieser Roman entstand, arbeitete er unter anderem für Medecins Sans Frontières in verschiedenen Ländern des Nahen Ostens. Haddad erlebte dort die Post-Depression des Arabischen Frühlings, aber in "Guapa" bleibt jeder Zynismus außen vor.

Vielmehr nimmt einen der leidenschaftliche, humorvolle Ton des Buches gefangen. Als "Liebesbrief an die arabische Welt" hat Haddad seine Geschichte bezeichnet. Denn der Plot hat mehr als einen Twist. Während seiner Studienzeit in Amerika kurz nach 9/11 fühlt Rasas sich erstmals als Araber und zitiert Amin Maalouf: "Wir identifizieren uns mit dem Aspekt unserer Persönlichkeit, der am meisten bedroht ist." Und hat Eib nicht auch seine guten Seiten? In Amerika entdeckt Rasa, wie der soziale Kontrakt eben auch Gemeinschaft, Respekt und Vertrauen schafft. Saleem Haddad löst die Ambivalenz zum Glück nicht auf. "Die Scham", sagt er, "ist offen für Subversion. Ich wollte erforschen, wie die Menschen damit spielen können."

Saleem Haddad: Guapa. Roman. Aus dem Englischen von Andreas Diesel. Albino Verlag, Berlin 2017. 392 Seiten, 16,99 Euro. E-Book 9,99 Euro.