Intendant Alleskönner

Der Belgier Serge Dorny, ein streitbarer Visionär, wird Intendant in München.

Von Reinhard J. Brembeck

Nun ist offiziell, was schon lange als Gerücht durch die Klassikszene schwirrte. Ab September 2021 wird Serge Dorny als Intendant der Bayerischen Staatsoper antreten, zusammen mit Vladimir Jurowski als Musikchef. Dorny, geboren 1962 in der Nähe von Gent, wo er ausgebildet wurde, ist derzeit einer der interessantesten und eigenwilligsten Opernmacher weltweit. Er ist ein Intellektueller, umfassend gebildet, Gesellschaftsvisionär, Kunstliebhaber, Konzept- und Kommunikationsmeister, Workaholic, Manager. Solch eine Kombination von Fähigkeiten ist selten. Keiner von Dornys Vorgängern in München, auch nicht der jetzige Intendant Nikolaus Bachler, verfügte über so viele Talente.

Zudem ist Dorny ein Mann, der auch ohne Berater die Qualität von Sängern und Dirigenten kompetent beurteilen kann. Aus all diesen Gründen ist seine Berufung ein Glücksfall für die Stadt und für das größte und wichtigste Opernhaus Deutschlands.

Für Dorny, er betont bei einemGespräch in Lyon vor ein paar Wochen immer wieder, ist Oper kein Elfenbeinturm, sondern Treffpunkt und Ressource, eine Aufforderung zur Diskussion. Schließlich werde heute - auch in den sozialen Medien - zwar viel kommuniziert, aber fast nicht mehr debattiert. Die Debatte aber sei unerlässlich in einer Welt, in der es nur mehr Konsum, aber keinen Genuss mehr gebe. Weil erst unterschiedliche Meinungen, Streit und Dialog einer Stadt Perspektiven geben können. Der ideale Ort dafür ist für Dorny ein Opernhaus, das alle Künste bündelt und tief in eine Stadt hineinwirkt.

Dorny war Jesuitenschüler, er hat Klavier und Trompete gelernt, Archäologie, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Business Management studiert. Er spricht gut Deutsch und legt jene skeptische Weltoffenheit an den Tag, die typisch ist für die Angehörigen der kleinen flandrischen Minderheit, die oft zwischen den großen Nachbarn Deutschland und Frankreich zerrieben wurde.

Zentral für Dorny war die Begegnung mit Gerard Mortier, der das Opernhaus in Brüssel zu einem Brennpunkt machte und zehn Jahre lang die Salzburger Festspiele leitete. Mortier trat immer politisch und ästhetisch streitbar auf, begriff Oper als gesellschaftspolitischen Auftrag und war stets auf der Suche nach neuen Komponisten, Dirigenten, Aufführungsformen, Sängern und Regisseuren. Mortier hat Dorny tief geprägt, er hat ihm die Augen für die Oper geöffnet. Aber Dorny ist durchaus keine Kopie Mortiers, die beiden stritten sich durchaus.

Seit 2003 leitet Dorny das Opernhaus in Lyon, das vor ihm ein Haus der Dirigenten war, von John Eliot Gardiner oder Kent Nagano. Seither ist es eines des Intendanten und ein bevorzugtes Reiseziel von Opernkritikern. Neben Paris und Marseille ist Lyon eines der großen Zentren Frankreichs, es ist, obwohl 20 Prozent des Etats in die Kunst fließen, eine zwar für ihre Kunstförderung nicht unbedingt berühmte Händlerstadt, der aber das eigene Opernhaus viel Geld wert ist. Vor 40 Jahren wurde die ursprünglich private Opernkompanie staatlich und ein eigenes Orchester gegründet. Vor 30 Jahren dann modernisierte Jean Nouvel den maroden Opernbau durch Aufbauten. In den Arkaden wird Hip-Hop vor staunenden Touristen getanzt. Das hat Dorny zu Beginn seiner Intendanz ermöglicht. Weil er überzeugt ist, dass nicht die Leute in die Oper kommen müssen, sondern die Oper zu den Leuten gehen muss. Dass sie jene erreichen muss, die nichts mit ihr im Sinn haben. Aus kulturellen, religiösen, finanziellen Gründen, bildungsbedingt, oder weil sie im Krankenhaus sind, im Gefängnis sitzen.

Seine Vorstellungen in Lyon sind fast alle ausgebucht. Die meisten Besucher sind Laufkundschaft

Bequem ist das für die sonst aufs Opernhaus fixierten Musiker und Techniker nicht unbedingt, bequem wird diese Öffnung auch für das Münchner Haus nicht werden. Das aber ist eine der Möglichkeiten, die zunehmende Fixierung auf eine gehobene Publikumsschicht in der Oper aufzulösen und der zunehmenden gesellschaftlichen Isolierung dieser Kunst zu begegnen. Dorny hat damit Erfolg - obwohl er immer wieder Uraufführungen bringt, nicht mit den großen Dirigenten- oder Sängerstars wie Anna Netrebko punkten kann und gern auch abseitige Stücke aufs Programm setzt. Dennoch sind seine Vorstellungen zu 96, 97 Prozent ausgebucht. Die meisten Besucher sind Laufkundschaft, der Anteil der Abonnenten liegt bei gerade 23 Prozent.

Wie ungewohnt einer wie Dorny für ein deutsches Traditionshaus ist, erlebte die Dresdner Staatsoper 2014. Dorny trat als designierter Intendant an, eckte an und wurde vom Kunstministerium noch vor Amtsantritt panisch gefeuert. Allerdings aus nicht nachvollziehbaren Gründen. Dorny gewann den Prozess gegen den sächsischen Staat. Die Flamen sind ein streitbares und unbeugsames Volk, das musste schon der in Gent geborene Kaiser Karl V. leidvoll feststellen.

Im Gespräch redet Dorny begeistert und vor Enthusiasmus übersprudelnd, gewisse Schlüsselbegriffe fallen häufig: Notwendigkeit von Kunst, Vermittlung, Zugänglichkeit, Oper als Gesamtkunst. Dorny ist davon überzeugt, dass Kunst nicht konform sein darf. Das findet er genauso langweilig wie Konsens und Selbstbestätigung. Kunst, so sieht er es, muss Risiken eingehen. Für München, wo man sich gern in einer geistfeindlichen Gemütlichkeit gefällt, sind dies ungewohnte Töne.

Dorny ist sehr ungeduldig und allen immer einen Schritt voraus. Aber keine Angst: Der Neue in München ist auch ein Genussmensch.