Der grobschlächtige Ehemann, die gefangene Femme fatale an seiner Seite und der hungrige Fremde, der gefährliche Leidenschaften entfesselt: Christian Petzold perfektioniert die Kraft der Bilder.
Das Entscheidende ist hier wieder einmal recht schwer zu benennen. Aber so muss es sein. Was diese Kassiererin im Supermarkt bedeutet, die zum tausendsten Mal erklärt, dass man den Gutschein des Arbeitsamts nicht für Alkohol und Zigaretten einlösen kann, ist umständlich zu beschreiben, aber auf einen Blick zu sehen:
Seltsam leblos: Nina Hoss und Benno Fürmann in "Jerichow". (© Foto: ddp)
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Hier wird der Zustand einer Zeit und einer Region im konkreten, sinnlichen Fundstück des Realen verdichtet. So sieht man dann auch die Sehnsucht einer Frau, die sich in der Art ausdrückt, wie sie auf einer Kinderschaukel schwingt, um dann weggerufen zu werden vom kontrollierenden Ehemann; die Vergangenheit eines Kämpfers, die sich darin zeigt, wie er einen Messerstecher entwaffnet; oder auch nur ein Ortsschild im Nirgendwo zwischen Baumarkt und Gewerbegebiet, das die Phantasie des Betrachters in Gang setzt: Jerichow.
Dem Filmemacher Christian Petzold kommt es auf genau diese Momente an. Man kann sogar sagen, dass sie der Grund seines Filmemachens sind. Aber eben nicht, weil er wie kein Zweiter in diesem Land die Absichten und Motive seines Schaffens erklären kann: Hinter jedem Bild ein ganzer Gedankenpalast, eine Meditation über das Wegbrechen der Industriegesellschaft, über Leben, Liebe und Freundschaft nach dem erzwungenen Ende der Erwerbsarbeit, über den Hang der Männer, ein Mausoleum für ihre Träume zu errichten, über den Instinkt der Frauen, vor der Erstarrung zu fliehen, über die Sinnlichkeit der Wanderarbeiter bei Renoir oder die Selbstermächtigung der Schlampen bei Bergman.
Sondern weil er von dort wieder zu einer Einfachheit zurückfindet, zu einer Szene, die er wirklich zeigen kann, zu einem Bild, das alles Gedachte und Gesprochene dann wieder überflüssig macht. Das gelingt ihm mit erstaunlicher Konstanz, in Filmen wie "Die innere Sicherheit", "Gespenster" und "Yella" - aber in "Jerichow" schafft er es, seine Methode noch einmal zu präzisieren.
Dieses Kino der Wahrheiten am Wegesrand hält sich dennoch an jene Übereinkunft mit dem Zuschauer, die auf Plot, Psychologie und Plausibilität basiert. Um Freiheit zu gewinnen für das, was ihm wichtig ist, sichert sich Petzold gründlich ab. Seine Gerüste haben ihre Tragfähigkeit meist schon im filmgeschichtlichen Ernstfall bewiesen.
In "Yella" baute er auf die Struktur einer Ambrose-Bierce-Erzählung und den Horrorklassiker "Carnival of Souls". In "Jerichow" benutzt er eine noch viel vertrautere Konstellation: Der grobschlächtige Ehemann und die gefangene Femme fatale an seiner Seite, das Geschäft, das sie ökonomisch aneinander bindet, und der hungrige Fremde, der dieses Arrangement dann sprengt und gefährliche Leidenschaften entfesselt. Das ist nichts anderes als James M. Cain und sein Postmann, der zweimal klingelt, adaptiert unter anderem schon von Visconti in "Ossessione" und auch von Bob Rafelson, mit Jack Nicholson und Jessica Lange, enthemmt auf dem berühmten Küchentisch.
Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum es bis zum Mordkomplott geht.
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Partyzone Flußufer
die Kirche is wohl eher Romanik.
Ein verweis auf den Titel / Ortsnamen wäre interessant gewesen: J. ist ja zum Einen ein realer Ort in Brandenburg (?), bekannt durch diverse Gewaltaten und rechtsradikale Übergriffe, aber auch durch ein Kloster mit großer Kirche, berühmtes Beispiel für die sog. Backsteingotik.
Zum Anderen ist J. ein fiktiver Ort nahe der Ostseeküste (im Film brechen die drei also ans Meer auf, nicht unbedingt naheliegend, da sicher ca. 200 km entfernt), wo Christine Cresspahl und Jakob Abs in weiß Gott auch schwerer Zeit sich erst gefunden und dann wieder verloren haben; da war der Dritte erst die NAzis und dann die STASI und gestorben wurde reichlich.