Girl Talk "Ich möchte sehen, wie weit diese Musik kommt"

372 Lieder in 72 Minuten: Ein Gespräch mit dem Mashup-Künstler Greg Michael Gillis alias "Girl Talk" über Vierspur-Aufnahmegeräte und die Kunst der Kopie.

Interview: J. Kuhn

Gregg Michael Gillis, besser bekannt unter dem Künstlernamen Girl Talk, ist ein menschlicher Musikfilter: 372 Samples verwendet er auf seinem fünften Album "All Day", um in 72 Minuten die wildesten Kombinationen entstehen zu lassen. Pop-Sängerin Rihanna trifft auf die Independent-Helden Fugazi, die Altrocker Black Sabbath auf den verstorbenen Rapper 2Pac. Kaum ein Part dauert länger als 30 Sekunden. Der Stil des Mashups hat im Internetzeitalter eine lange Tradition, doch Girl Talk gehört zu den Virtuosen des Genres. Das Album veröffentlichte Gillis kostenlos im Internet, weshalb am Erscheinungstag Girl Talk zum meistgesuchten Begriff bei Google avancierte.

"Für dieses Album habe ich zweieinhalb Jahre gebraucht, dabei oft bei meinen Konzerten die Reaktion des Publikums getestet": Gregg Michael Gillis schaffte es mit seinem Mashup-Album zum Google-Champion.

(Foto: oh)

sueddeutsche.de: Herr Gillis, Ihr Album spaltet die Hörer: Viele Kritiker halten es für ein Meisterwerk der Mashup-Kultur, andere sind von 72 Minuten gesampelter Musik überfordert.

Gregg Michael Gillis: So muss es sein. Es war ein Ziel von mir, dass sich das Album einzigartig anhört, ich sehr viel hineinpacke. So viel, dass einige Hörer es nicht aushalten, weil so viel Pop-Musik gleichzeitig geschieht. Ich spiele mit den Erwartungen, sample viele Songs, die Indie-Fans eigentlich hassen, aber im Kontext gut finden.

sueddeutsche.de: Sie haben 372 Samples verwendet. Nach welchen Kriterien wählen Sie diese aus?

Gillis: Ich schneide schon seit zehn Jahren kleine Stücke aus Songs heraus und habe immer 2000 bis 3000 Samples, die ich in Hunderten und Aberhunderten Kombinationen ausprobiere. Oftmals sind es Teile von mehr als zehn verschiedenen Songs, die gleichzeitig laufen, vom Black-Sabbath-Gitarrenriff über einen Ludacris-Sprechchor bis zum Hi-Hat aus einem Police-Song.

Im Idealfall erkennt jeder ein oder mehrere Lieder wieder, dann ist die Herausforderung am größten, etwas Neues daraus zu machen. Es ist wie ein Puzzle mit Teilen, die eigentlich nicht zusammenpassen. Für dieses Album habe ich zweieinhalb Jahre gebraucht, dabei oft bei meinen Konzerten die Reaktion des Publikums getestet.

sueddeutsche.de: Sie benutzen Ausschnitte aus urheberrechtlich geschützten Songs und berufen sich dabei auf das Prinzip des "Fair Use", der unauthorisierten aber legalen Verwendung kleiner Ausschnitte, eine Art Zitatrecht. Ob dieses amerikanische Rechtsprinzip auch für Mashups gilt, ist ungeklärt. Warum sind Sie niemals verklagt worden?

Gillis: Schwer zu sagen. Mein Standpunkt ist, dass sich niemand wegen der Samples mein Album anstatt dem des Künstlers kauft. Im Gegenteil: Ich kriege E-Mails von 16-Jährigen, über ein Sample bei mir plötzlich Aphex Twin entdeckt haben. Auf der anderen Seite dürften sich die Musiklabels auch davor fürchten, mich zu verklagen. Eine Gerichtsverhandlung würde die ganze Mashup-Kultur noch größer machen - und stellen Sie sich vor, ein Richter würde das Fair-Use-Prinzip für diese Musikrichtung bestätigen. Das hätte große Folgen.

sueddeutsche.de: Wie reagieren Künstler darauf, wenn sie von Ihnen gesampelt werden?

Gillis: Alles, was ich bislang mitbekommen habe, war positiv. Big Boi von Outkast war bei einem meiner Konzerte. Ich verwende seine Stimme sehr häufig und er hat nichts dagegen. Mike Patton, der Sänger von Faith No More, hat in einem Interview gesagt, es sei eine Ehre für ihn, dass ich ihn in einem Part gemeinsam mit Busta Rhymes auftreten lasse. Ein paar Bands aus den Siebzigern konnten durch die Verwendung sogar ihre iTunes-Verkäufe steigern.

sueddeutsche.de: Wie wird man zum Mashup-Musiker?

Gillis: In der Schule spielte ich in einer Experimental-Band, wir machten sehr viel Noise-Musik. Ich hatte damals, Ende der Neunziger, keinen Computer, ließ also CDs vor- und zurückspringen oder klebte Bänder aus Vierspur-Aufnahmegeräten zusammen. Am Anfang wollte ich die Songs nicht unbedingt zu Mashups machen, sondern sie einfach nur mit etwas Krach versehen. Mit der Zeit hatte ich die Idee, diese Samples tanzbarer zu machen - und dann kam die MP3-Revolution und 2004 die große Mashup-Welle.

sueddeutsche.de: Was hat sich seitdem verändert?

Gillis: Nach dem ersten Hype damals sind Mashups nun viel etablierter. Ich sehe da eine Parallele zum HipHop, wo das Sampling ja seinen Ursprung hatte. Es hat lange gedauert, bis zum Beispiel jemand wie Jay Z als Hauptact bei einem Rockfestival auftreten konnte. Heute benutzen sogar Rockbands Laptops und Samples - und wahrscheinlich werden wir in ein paar Jahren die Black Eyed Peas des Mashup erleben, oder die Black Eyed Peas werden selber ein Mashup produzieren, mit einem Popgefühl, das es stadiontauglich macht. Boybands werden zu Mischungen von Samples singen, Experimental-Bands werden seltsamen Pop hevorbringen. Davon möchte ich ein Teil sein, ich möchte sehen, wie weit diese Musik kommen kann.

sueddeutsche.de: Würde eine Reform des Urheberrechts dabei helfen, Mashups zu etablieren?

Gillis: Es ist ja jetzt schon so, dass es Gesetze gibt, aber sich die Menschen ihre eigenen Regeln machen. 95 Prozent der Menschen hat Zugang zum Internet, viele davon das, was man "illegale Downloads" nennt. Ob man das gut findet oder nicht: So sieht die Realität aus. Die Werkzeuge, um Mashups zu erstellen, gibt es und seit YouTube ist die Idee, etwas Neues aus etwas bereits Existierendem zu erschaffen, überhaupt nicht mehr fremdartig. Natürlich würde es helfen, wenn Musik wie die meine auf sicheren Rechtsgrundlagen stehen würde. Aber weil das Internet sich ausbreitet, wird das Konzept des Teilens für uns immer normaler. Deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis es auch gesetzlich akzeptiert ist.