Heiner Geißler: Goebbels-Zitat Der Lautsprecher ruft, und alle sitzen auf den Ohren

"Wollt ihr den totalen Krieg?" Heiner Geißler hat sein ganzes politisches Leben auf die Bereitschaft zur Lautsprecherei gestellt. Nun zitiert er Goebbels, meint aber nur einen Bahnhof. Warum regt sich darüber keiner auf? Drei mögliche Gründe.

Von Stephan Speicher

Heiner Geißlers Frage "Wollt ihr den totalen Krieg?" funktionierte. Am Freitag, bei der Diskussion zum Stresstest S21, hielt sie die Runde noch für einen Moment zusammen. Es geht um einen Bahnhof, der Moderator stellte die Frage des Joseph Goebbels aus der "Sportpalast-Rede" vom 18. Februar 1943, und niemand protestierte.

Niemand herrschte ihn an, so lasse man sich nicht adressieren. Wie kann man so schwache Reflexe haben? Hatte die - selbstverständlich rhetorische - Frage doch einen wunden Punkt getroffen, die heimliche, peinliche Empfindung der streitenden Parteien, sich tatsächlich in eine fanatische Entschlossenheit verrannt zu haben? Geißler stellte die Frage, um seinen Coup vorzubereiten, den Vorschlag eines Kompromisses aus alten Kopf- und neuem Tiefbahnhof.

Vielleicht hatte das Erstaunen über diese Wendung durch Geißlers Fügung die Gemüter so sehr belegt, dass Ärger über die Goebbels-Anspielung, in der sich eine ziemliche Verachtung ausdrückte, nicht hochkam.

Aber vielleicht sind die provozierende Bemerkung und die gelassene Reaktion darauf auch ein Zeichen nachlassender historischer Empfindlichkeit. Wenn jeder größere Streit nach Material aus der Geschichte des Dritten Reichs verlangt, wenn kein Unrecht beschrieben werden kann, ohne auf Holocaust und Zweiten Weltkrieg Bezug zu nehmen, dann wird die öffentliche Erinnerung an den Nationalsozialismus inflationiert.

Es gibt immer mehr Reden davon, aber es ist immer weniger wert. Warum sollte man dann nicht die Kämpfer für oder wider einen Bahnhofsumbau mit solchen vergleichen, die sich dem "Ansturm der Steppe gegen unseren ehrwürdigen Kontinent" oder den "bolschewistischen Roboterdivisionen" entgegenstemmen?

"Friede den Menschen seiner Huld"

Oder hat man sich die Lage in Stuttgart ganz anders vorzustellen? Haben die Bahnhofskämpfer und das nicht kämpfende Publikum bloß des Moderators Neigung zum Maßlosen in Rechnung gestellt und für sich heruntergeregelt?

Heiner Geißler hat sein ganzes politisches Leben auf die Bereitschaft zur Lautsprecherei (gern auch nachdenklich leise) gestellt. Das hat ihn nach dem Verlust der politischen Macht in viele, viele Talkshows getragen. Er ist der Mann, der seinem Buch über christliche Politik nicht einen Titel gab wie "Was können wir aus der Bibel lernen?", sondern "Was würde Jesus heute sagen?".

So hieß sein Kompromissvorschlag am Freitag auch "Frieden in Stuttgart". Man muss auf den Ohren sitzen, um nicht zu hören "Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind". Oder, wie heute die Weihnachtsbotschaft übersetzt wird: "Friede den Menschen seiner Huld."

Selbstgleichschaltung

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