Grunge-Ikone Wenn mal einer richtig aufräumt

Neues aus dem Nachlass des "Nirvana"-Sängers Kurt Cobain, der 1994 verstarb.

Von Diedrich Diederichsen

Heck" gibt es als eigenständiges englisches Wort nicht, nur in Ausrufen wie "What the heck!" (Was zur Hölle!). Einigen Theorien zufolge ist es eine Überblendung von "Hell" und "Fuck", jedenfalls liegt da ungefähr die Bedeutung dieses Albumtitels: "Montage of Heck" war der Name, den Kurt Cobain einem Kassettendokument gegeben hat, auf dem er selbstgemachte Entwürfe und Eingebungen gesammelt hat. Vor einigen Monaten kam ein extensiver, ideenreicher, aber den Nichtsuperfan in seiner grenzenlosen Hingabe auch etwas ermüdender Dokumentarfilm mit diesem Titel in die Kinos.

Nun erscheint, wiederum als "Montage of Heck", auch ein Album mit 31 Kleinst- bis Mittelwerken des Verstorbenen, das seinen Ursprung der gleichen Wundertüte mit Kram aller Art aus dem Cobain'schen Nachlass verdankt wie der Film. Die Familie hat eine Fülle von Zeichnungen, Gemälden, Texten, Gekrakel, selbstgebauten Äffchen und eben Kassetten durchgearbeitet und nun dem globalen Marbach zur Auswertung zur Verfügung gestellt.

Cobain mochte die "Beatles" und war so etwas wie der Paul McCartney des Grunge

Seit den Tagen jener Musik, der Simon Reynolds retroaktiv den Namen Postpunk eingebrockt hat, kennen wir Alben dieser Art. Hyperaktive und ideenreiche Sonderlinge schließen sich in Kinderzimmer und andere Rückzugsräume ein und leben sich aus. Die Swell Maps etwa wussten schon um 1980 solches Geschrängel kunstvoll zwischen ihre kompakteren Spätpunk-Epen einzumontieren. Ende der Achtziger, als man unter anderem das irre Genie Daniel Johnston zu entdecken begann (einer seiner späteren Fans war Cobain), konnte sich das haltlose, unfertige, überbordende Gemache eines grundsätzlichen Zuspruchs in der Szene erfreuen, dessen weltanschauliche Basis sich aus Fluxus-Ideen (ohne Fluxus zu kennen), Do-it-yourself-Ethik und Mittelfinger-für-die-Industrie und überhaupt den ganzen verdammten Schein zusammensetzte.

Kurt Cobain war Linkshänder und spielte die Gitarre andersherum - so wie Jimi Hendrix.

(Foto: AP)

Bands wie die Happy Flowers brachten damals alle halbe Jahre ihren glühenden Übungsraum unters Volk, langlebige Kollektive wie die Sun City Girls wurden zu echten Künstlern des . . . Heck. Schließlich gab es, nicht zuletzt als enttäuschte und rückzughafte Reaktion auf den Tod Cobains und die unter Mithilfe von MTV durchgeprügelte Totalvermarktung des Grunge-Booms in den mittleren Neunzigern das Genre Lo-Fi, das dann mit einer Mischung aus kunstsinnigem Dilettantismus mit viel akustischen Instrumenten und radikalen Texten begabten Individuen wie - sagen wir - Sebadoh zum kleinen Durchbruch verhalf.

Cobain hätte in jeder Phase dieser Bewegung mittun können. Hat er aber nicht. Aus dem Film erfahren wir, was für ein nie ruhendes, dauerbrennendes Bewusstsein den Vielbegabten antrieb, sodass er unausgesetzt im Gange war und schon als Dreijähriger seine Eltern mit wortwörtlich vorgetragenen kompletten Sesamstraßen-Episoden nervte. Es überrascht nicht, dass es also massenhaft Kram zu finden gibt in seinem Kinderzimmer, wenn mal einer richtig aufräumt. Aber entscheidend ist, dass Cobain im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen diesen Kram nicht veröffentlichte.

Seine besten Freunde von The Melvins haben sich etwa immer wieder sehr gezielte und durchdachte avantgardistische Attacken geleistet und auch Einblicke in seelisches Chaos gewährt - aber eben doch künstlerisch kontrolliert. Bei Nirvana gab es dergleichen nicht. Man konnte von den veröffentlichten Tondokumenten aus eben nicht auf den Geruch im Proberaum schließen - anders als bei Mudhoney und all den anderen waren Gerüche überhaupt bei Cobain nicht wirklich erwünscht.

Als um ihn herum im amerikanischen Nordwesten der schwere, metallene, vollgesogene Punk 3.0 der ersten Grunge-Jahre Formen annahm und das Sub-Pop-Label es schaffte, diesen Regionalsound als das neue Underground-Ding nationwide durchzusetzen, siedelte sich Cobains Band Nirvana eben gerade nicht an der avantgardistisch-raubeinigen Flanke der Bewegung an. Ihre große Leistung, ihre Idee war die Übersetzung des ganzen dynamisch-machoesken Energiedings in Teenie-Gefühlswelten, mit allem was dazugehört. Die alten, schroffen Felsen der Unverstandenheit, Verlassenheit, Enttäuschung und Todessehnsucht wurden melodisch umspült. Cobain mag ein mehrfach süchtiger, hyperaktiver, depressiver Chaot gewesen sein, aber seine Leistung bei Nirvana bestand darin, für Grunge einen Paul McCartney zu erfinden.

Es spricht dennoch nichts prinzipiell gegen die Veröffentlichung dieser Wundertüte of Heck. Tatsächlich ist es nicht uninteressant, den Weg vom Krach zum Song zu rekonstruieren (wenn man sich an die Songs noch erinnert, von denen hier nur einige Frühestfassungen zu hören sind). Dass Kurt "And I Love Her" von den Beatles mochte, bestätigt meine These. Dass Nirvana nicht nur Form war, sondern Form von etwas, könnte man im Nachhinein auch vergessen haben. Wer am Tage von Kurts Tod geboren wurde, hat heute oft schon einen BA. Um die Enttäuschungen nachzuvollziehen, die Nirvanas Weltschmerz zugrunde liegen, müsste man sich erst mal an die falschen Versprechungen erinnern, die der Generation der um 1970 Geborenen noch gemacht wurden. Wer kann das noch?

Insofern hilft diese Montage, das Spektrum von Wünschen und Wahnsinn im Kopf dieses von seinen Freunden und Verwandten einstimmig für ein Genie gehaltenen Mannes zu ermessen. Es unterscheidet sich allerdings nicht so sehr von dem, was andere bewegte, deren Eltern man erzählt hat, wie begabt und kreativ der Kleine ist. Man behält Cobain vielleicht besser in Erinnerung, wenn man seine späteren Songs eher als Maßnahmen gegen die im Booklet gedruckten hässlichen Gemälde (verblüffend ähnlich dem zu Recht vergessenen Teil der Wilden Malerei von 1980) versteht als deren Fortsetzung mit anderen Mitteln. Cobain konnte Dinge auf den Punkt bringen, hier lernt man, dass er auch das Gegenteil konnte.