Großformat Das Treffen der zwei Vogelwesen

Luzide Fantasiebilder haben die Kinderbuchillustratorin Binette Schroeder bekannt gemacht. Diese Gouache hier kommt ihr selbst vor wie die Erinnerung an einen Traum.

Von Roswitha Budeus-Budde

Welche Geschichte erzählt das Bild? Zwei Fabelwesen stehen sich plötzlich vor einer Höhle gegenüber. "Sieh mich an!" nennt Binette Schroeder diese in Gouache gemalte Szene. "Vielleicht war es die Erinnerung an einen Traum", meint die Künstlerin, an eine Geschichte kann sie sich zumindest nicht erinnern. "Oder es waren meine schrägen, bühnenhaften Fantasien, schließlich wirkt die Höhle wie eine Kulisse!"

Seit dem Entstehungsjahr 1986 bleibt dieses Bild, das hier zum ersten Mal gezeigt wird, für die Illustratorin selbst rätselhaft. Es nimmt in ihrem Œuvre eine Sonderstellung ein, weil es sehr spontan und so ganz aus dem Unterbewussten heraus entstanden ist. Und es blieb in ihrer Arbeit auch ein Einzelbild, seit sie, 1939 in Hamburg geboren, "Lupinchen", ihr erstes Bilderbuch, 1969 veröffentlichte. Bereits hier ist Schroeders besondere künstlerische Handschrift zu erkennen. Von Anfang an zeichnen sich ihre Bilder durch eine luzide, vielschichtige Farbigkeit aus und durch ihre Nähe zum Surrealismus. Max Ernst ist ihr bis heute ein wichtiges Vorbild. So feierte sie bald Erfolge mit ihren in Gouachetechnik gemalten Traumbildern zu den "Abenteuern des Freiherrn von Münchhausen", zum Märchen der Brüder Grimm: "Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich", oder zu der Geschichte "Die Vollmondlegende" von Michael Ende.

Auch wenn die Szene der beiden Vogelmenschen für die Illustratorin rätselhaft bleibt, an die Entstehung erinnert sie sich genau. "Es ist eine Gouache, in die ich dann vehement mit Tusche und Feder reingearbeitet habe." Damals begann sie auch, Lichter nicht nur mit Deckweiß zu malen, sondern die hellen Partien aus dem Papier herauszuwischen und -zuschaben. Für Binette Schroeder ist die Höhle wie ein Bühnenraum. "Du kannst es auch so sehen, dass du aus der Höhle heraustrittst und das Gegenüber plötzlich vor der Höhle stehen siehst. Es steht da und ist selbst erschrocken, weil du da stehst. Die Frage bleibt offen: Sage ich zu ihm: ,Sieh mich an!' Oder sagt es zu mir: ,Sieh mich an!'?"