Graphik Novel: Gift Arsen und Sahnetorte

"Allein der Gedanke, wieder Gift zu haben, machte mich so besonders zufrieden": Gesche Gottfried tötete 15 Menschen, ein Graphik Novel erzählt die Geschichte der Mörderin.

Von T. von Steinaecker

Es ist ein Verbrechen, das bis heute verstört: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts vergiftet die einigermaßen wohlhabende und beliebte Bremerin Gesche Gottfried fünfzehn Menschen mit so genannter "Mäusebutter", einer Mischung aus Schmalz und Arsen. Lässt sich hinter dem ersten Mord am eigenen Gatten noch das Motiv einer außerehelichen Affäre der Gottfried vermuten, so bleibt ungeklärt, warum sie im folgenden Jahrzehnt auch ihre Eltern, Kinder, den Bruder und Freunde tötet sowie scheinbar wahllos neunzehn weitere ahnungslose Bekannte mit einer niedrigen Dosis Gift quält. Aufgrund nachlässiger Untersuchungen kommt man der Mörderin erst 1828 auf die Schliche; drei Jahre später, in denen sie selbst keine Auskunft zu den Hintergründen ihrer Taten geben kann oder möchte, wird sie vor einer gewaltigen Menschenmasse in der letzten öffentlichen Hinrichtung der Stadt vor dem Bremer Rathaus enthauptet.

Wäre da nicht das Maßlose der über fünfzehn Morde, man könnte sich den Fall Gottfried gut als die Erzählung eines Autors des deutschen Realismus vorstellen: Eine geheimnisvolle Ehebrecherin vor imposanter norddeutscher Kulisse in einer ziemlich scheinheiligen Gesellschaft, die an der Schwelle zur Moderne steht - das klingt fast nach Theodor Storm. Beinahe klassisch konzipiert mutet denn auch die Verwandlung des Stoffes in eine 200 Seiten starke Graphic Novel durch den Szenaristen Peer Meter und die Zeichnerin Barbara Yelin an.

Psychologische Gutachten? Neumodisches Zeug

Den Rahmen des Buches bildet eine Bahnfahrt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, während der sich eine namenlose alte Frau an einen lange zurückliegenden Besuch in Bremen erinnert. Damals sollte sie im Auftrag Baedekers einen Reisebericht über die als vorbildlich liberal geltende Hansestadt schreiben.

Doch gleich bei ihrer Ankunft fühlte sie sich ins tiefste Mittelalter versetzt: Die Hinrichtung der Gottfried stand unmittelbar bevor. Bald wurde die junge Schriftstellerin in den Bann der Mörderin gezogen und musste feststellen, dass es bei deren Verurteilung nicht ganz rechtmäßig zugegangen war: Der Pastor, der Gottfried im Gefängnis verhörte, machte keinen Hehl aus seinem Sexismus, der Verteidiger lehnte psychologische Gutachten als neumodisches Zeug ab, und die Bürger Bremens begegneten unangenehmen Fragen mit Feindseligkeit.

Während Rainer Werner Fassbinder in Bremer Freiheit die Morde der Gottfried als Akt der Emanzipation begriff, wird sie in "Gift" als geistig Verwirrte dargestellt, an deren Taten auch die Gesellschaft durch ihre Ignoranz eine Mitschuld trägt. Bei aller akribisch aufbereiteten Informationsfülle stört diese verengende Sichtweise genauso wie die Reduktion der Figuren auf einseitig gezeichnete Typen.

Ihnen darf eine sehr moderne Protagonistin plakative Sätze entgegenschleudern wie: "Gesche ist nichts anderes als ein auf die absurdeste Weise auf die Spitze getriebenes Beispiel einer aggressiven und rücksichtslosen Gesellschaft." Diese Eindeutigkeit geht Yelins Zeichnungen glücklicherweise ab. Was auf ihren skizzenhaften Bleistiftzeichnungen anfangs noch geradezu putzig biedermeierlich und kommod wirkt, bekommt schnell etwas Klaustrophobisches. Wenn die Schriftstellerin nachts durch die leeren Straßen Bremens läuft, ist der expressionistische Stummfilm nicht weit.

Ich kann es mir selbst nicht erklären

Man kann sich freilich fragen, ob dies wirklich die richtige Herangehensweise an einen so beispiellosen Fall wie jenen der Gottfried ist. Häufig stellt sich in Gift wohliger Grusel ein; brav informierend wird im Anhang das Geschehen noch einmal anhand von Artikeln erklärt. Weil Meter und Yelin zu sehr darauf bedacht sind, ihre Geschichte rasant und unterhaltsam zu erzählen, bleiben Momente der Irritation außen vor.

Nur manchmal wird im Buch das blanke Entsetzen spürbar, das Gottfrieds Taten immer noch auszulösen vermögen - wenn die Zeichnungen ihre markanten Gesichtszüge zeigen und darunter authentische Sätze aus den damaligen Verhörprotokollen zu lesen sind, hinter denen eine furchtbare Wirklichkeit schlummert: "Allein der Gedanke, wieder Gift zu haben, machte mich so besonders zufrieden, was ich mir selbst nicht erklären kann."

PEER METER / BARBARA YELIN: Gift. Reprodukt, Berlin 2010. 200 Seiten, 20 Euro.