Giorgio Armani wird 80 Körper in Bewegung

Diese Mode begleitet ihren Träger und ihre Trägerin über die Schwellen des Alters, von den frühen Dreißigern bis in die Fünfziger und weit darüber hinaus. Und noch wenn die Haut allmählich welkt, mildert ein Graugrün, ein Zimtton oder ein Beige in körnigen Mustern die Kontraste und lässt erträglich werden, was neben einem entschiedenen Rot oder Grün etwa, zu einer niederschmetternden Wahrheit geriete. So aber kann das Fleisch fortbestehen, ein wenig verhüllt, ein wenig veredelt, aber immer noch verführerisch und mit gerade so viel Vulgarität ausgestattet, dass man es gelegentlich noch zucken sieht. Als das Guggenheim Museum vor einigen Jahren Armani eine von Robert Wilson gestaltete Retrospektive widmete (sie ging dann um die halbe Welt), brillierte sie in "Greige", dem mittleren Ton zwischen Beige und Grau, der Farbe, die für diesen Designer immer noch die prägnanteste ist.

Als Armani antrat, war seine erste große Tat die Vereinfachung des Jacketts: dessen Reduktion auf ein möglichst schlicht geschnittenes, ideal fallendes, gleichsam fließendes Kleidungsstück. Diese Tat galt der Kleidung für Männer wie für Frauen, und von diesen werden viele bei ihm zum ersten Mal ein Kostüm, ein Etuikleid oder einen Hosenanzug gefunden haben, der elegant, modisch und tragbar zugleich war.

Vom Jackett aus entwickelte er seine schlichten Linien weiter bis in die billigeren und jugendlicheren "Labels" seiner Marke hinein, bis zu "Armani Jeans" und "EA7" (wo sie dann auch in schrillem Gewand auftreten dürfen), und weiter noch, bis in die Inneneinrichtung und die Blumengestecke, die auch ihren Platz in seinem Imperium haben.

Diese Entwicklung hat selbstverständlich auf der einen Seite damit zu tun, dass das Entwerfen von Kleidung längst eingegangen ist in eine ästhetische Ökonomie, die die Welt des Luxus und der Moden weit hinter sich gelassen hat und zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige überhaupt geworden ist. Es hat aber auch damit zu tun, dass es Armani mit jener (am Ende doch nicht so simplen) Vereinfachung gelang, etwas bislang Exklusives zu demokratisieren, ohne dass dieses deswegen weniger elegant und zurückhaltend wirkte.

Die erstaunliche Langlebigkeit seiner Entwürfe wie seines Unternehmens ist auf diese Vereinfachung gegründet: Der kalte Hauch der Vergänglichkeit scheint kaum in das Milieu eindringen zu können, das sich auf eine noch lang währende Fortsetzung bei gleichbleibend angenehmer Temperatur eingerichtet hat.

Diskrete Mode

Das ist eine erstaunliche Leistung. Denn der Verzicht auf den komplizierten Aufbau der Kleidung, die Reduktion auf wenige, klare Linien hat auch zur Folge, dass der Körper deutlicher hervortritt. Das mag in den Kollektionen für ein jugendlicheres Publikum oft kein Problem sein, bei den klassischen Linien ist es mit Sicherheit eines. Armani aber schafft diese Hinwendung, in vielen seiner Entwürfe, ohne zu entblößen. Seine Mode bleibt diskret.

Der vor einigen Jahren gestorbene Berliner Philologe Gert Mattenklott, der nicht nur ein großer Gelehrter in literarischen Dingen, sondern auch ein großer Kenner von Mode war, hatte für dieses sonderbare Ineinander von Offenbaren und Verbergen eine Erklärung: "Körper reizen ihnen nicht wie Statuen, sondern in ihrer Bewegung", schrieb er. "Armanis Garderobe gibt ihnen die Form, in der sie sich zwanglos entfalten können. Dafür empfehlen sich weiche, dünne Stoffe, deren Material allerdings so hochwertig sein muss, dass es Falten annehmen und altern kann, ohne zu welken." Das Bild des Designers selbst ist bis auf den heutigen Tag von diesem Ideal geprägt: Lange schon ist er weißhaarig, doch braun gebrannt. Sein Schädel gleicht einer lächelnden Büste, aber sein Körper ist noch schmal, muskulös und gelenkig, und seine Bewegungen scheinen noch immer jung zu sein.