Gespräch mit dem Kurator Wahre Schönheit

Thierry-Maxime Loriot verknüpft mit seiner umfangreichen Lindbergh-Ausstellung eine Botschaft: Es zählt der Mensch, nicht das Aussehen.

Von Johanna Pfund

Persönlichkeit zählt, nicht die bloße Schönheit. Das ist die Botschaft, die Thierry-Maxime Loriot, mit der von ihm kuratierten Schau "Peter Lindbergh. From Fashion to Reality" vermitteln will. Es geht ihm nicht um das simple Zeigen von Fotos schöner Frauen in schöner Kleidung, wie man es bei einer Ausstellung über einen der besten zeitgenössischen Modefotografen annehmen könnte. "Es ist wichtig, dass man die Menschlichkeit in Lindberghs Arbeit erkennt", sagt Loriot. "Ich hoffe, dass diese Ausstellung den jungen Leuten die Botschaft vermittelt: Es geht darum, wer du bist. Das Aussehen ist nur oberflächlich." Das ist natürlich ein ambitioniertes Unterfangen.

Schon die Gaultier-Ausstellung von Loriot wurde weltweit zum Publikums-Magneten

Aber schon vor knapp zwei Jahren überraschte Loriot in der Kunsthalle München mit der Ausstellung über den Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier. Lebende Models, lebensecht wirkende Schaufensterpuppen, bizarre Kleider, viele Matrosenstreifen - Gaultiers Markenzeichen -, all diese Zutaten machten die Schau über den wohl extravagantesten französischen Modeschöpfer zu einem Publikumsmagnet. Über fünf Jahre hinweg reiste die Ausstellung durch die ganze Welt, machte Station an einem Dutzend Standorten auf vier Kontinenten. Seinen Ausgang hatte das Projekt am Montreal Museum of Fine Arts in Kanada genommen - der Heimat dieses ungewöhnlichen Kurators.

Thierry-Maxime Loriot kommt nicht aus dem Kunstbetrieb und hat auch nichts mit dem deutschen Humoristen Vicco von Bülow alias Loriot zu tun. Der schöne Nebeneffekt der Namensgleichheit besteht für ihn nur darin: Alle Deutschen können seinen Familiennamen fehlerfrei aussprechen, und mit den Werken des Humoristen Loriot ist er vertraut, da sein Vater von Reisen immer wieder Werke Vicco von Bülows mitbrachte. Das ist aber auch schon alles. Doch dass seine Ausstellungen mit Mode zu tun haben, ist kein Zufall.

Der in Québec geborene Frankokanadier wollte Architekt werden, bevor er zufällig Männermodel wurde und dies auch zehn Jahre lang blieb. Dann machte ihn der Zufall zum Kurator. "Ich bin durch Zufall Model geworden, durch Zufall Kurator geworden. Wobei das durchaus eine schöne Karriere war", sagt Loriot, der für Marken wie Armani arbeitete. Die Bodenhaftung aber behielt er. Man dürfe sich nicht verleiten lassen, von vermeintlichen Freunden, Geld, Alkohol, erzählt er. Nie habe er den Wunsch gehabt, seinen Wohnort an glamourösere Orte als Québec oder Montreal zu verlegen - beide Städte keine Hot-Spots der Modewelt.

Denn es interessierte Loriot damals schon mehr, was hinter den Kulissen passierte. Seine Eltern, die beide für die UN arbeiteten, hatten ihre drei Kinder schon früh dazu animiert, sich ihre Umgebung genau anzusehen und Neugier zu entwickeln. "Bei jeder Reise mussten wir ein kleines Forschungsprojekt machen." Und mit derselben Neugier und demselben Elan, die er in seine jugendlichen Forschungsprojekte steckte, widmete er sich Jahrzehnte später der Gaultier-Ausstellung und nun dem Lindbergh-Projekt.

Zweieinhalb Jahre dauerte die Vorbereitung auf die Schau, die bereits in Rotterdam zu sehen war. Der Kurator hatte freien Zugang zum Archiv des Fotografen und hat daraus allerlei zu Tage gefördert. Notizbücher, eine ordentlich geschriebene Postkarte von Claudia Schiffer an Peter Lindbergh, alte Kameras, Filmrollen, bündelweise Flugtickets und Boarding-Pässe. Kurzum, ein Puzzle-Spiel des Fotografen-Lebens. Stapel von Modezeitschriften mit Lindbergh-Fotografien auf dem Cover sind in der Ausstellung zu sehen und sie zeigen, wie grundlegend sich die Technik und der Begriff von Mode in den vergangenen 30 Jahren gewandelt haben.

Die Hingucker sind aber natürlich Lindberghs Schwarz-Weiß-Fotografien im Großformat. Geordnet sind sie nach Themen. Supermodels, Couturiers, Tanz, Zeitgeist, das Unbekannte, Ikonen und Silver Screen - so sind die Kapitel überschrieben. "Mir war es wichtig, dass Peter sich selbst in der Ausstellung wiedererkennt, dass all die Facetten seiner Arbeit zu erkennen sind", erklärt Loriot. Zum Beispiel die Tanz-Faszination des Fotografen, die auch in einem fesselnden Porträt von Choreografin Pina Bausch Ausdruck findet.

Einen Schwerpunkt bilden die Fotografien, mit denen Lindbergh in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren den Mythos der Supermodels schuf und die weltweit berühmt wurden. Cindy Crawford, Linda Evangelista, Nadja Auermann, Claudia Schiffer, Tatjana Patitz blicken manchmal völlig befreit, manchmal ernst von den Wänden. Manchmal sind sie wie Kate Moss oder Nadja Auermann mehr oder minder ungeschminkt oder gar in späteren Lebensjahren abgebildet.

Im Kapitel Ikonen wird deutlich, wie Lindberghs Fotografien die Persönlichkeit der Abgebildeten vermitteln. Schauspielerin Charlotte Rampling blickt herausfordernd in die Kamera, Eddie Redmayne wirkt verletzlich. Im Kapitel "Silver Screen" lotet der Kurator aus, welche Filme Lindbergh bei seiner Arbeit inspirierten. Überhaupt spielt auch das filmische Werk Lindberghs eine Rolle, die Arbeit am Set wird dokumentarisch gezeigt. In die Arbeitswelt eines Fotografen entführt schließlich noch der Dark Room - bis vor wenigen Jahren war die Dunkelkammer ja noch das Herzstück fotografischer Arbeit. An Wänden und an Schnüren, quer durch den Raum gespannt, hängen Fotos zum Trocknen, wie es früher üblich war.

Gegen den Terror von Jugend und Perfektion will Lindbergh kämpfen

Letztlich sollen die Besucher aber nicht nur historische Fotografenarbeit kennenlernen, sondern sehen, dass Schönheit viele Facetten hat. Zwar, räumt Loriot ein, hat Lindbergh mit seinen Bildern schöner junger Frauen in gewisser Weise selbst das "Monster geschaffen". Doch dem Terror von Jugend und Perfektion wolle Lindbergh Einhalt gebieten. Mit den Fotografien von Frauen in verschiedensten Altersstufen hat er dies realisiert. "Er fotografiert die Menschen auf eine natürliche Art", argumentiert Kurator Loriot. Der Fotograf stehe für die Abkehr von exzessiv bearbeiteten Bildern extrem glatter Menschen, für ein Hin zur Persönlichkeit. "Man würde Lindbergh reduzieren, wenn man meint, es gehe hier nur um Mode." Loriots Botschaft: Es zählt der Mensch.