Geschichte Henker damals und heute

Die Ausstellung "Spektakel des Schreckens"

Von Rudolf Neumaier, Regensburg

Wer von der Regensburger Altstadt hinauf zur Universität geht, erklimmt den Galgenberg. Für die Einheimischen ist es eine Adresse wie jeder andere Straßenname, die Gesandtenstraße, der Domplatz. Doch wie hier, wo der Dom steht, und dort, wo zur Zeit des Immerwährenden Reichstages viele Gesandte residierten, hat auch der Name Galgenberg eine Bedeutung. An diesem Ort stand in der Frühen Neuzeit der Galgen, hier verrotteten die Hingerichteten. Und sie verrotteten so, dass jeder Ankömmling die Kadaver sah und die Vögel, die sich an ihnen zu schaffen machten.

Es gehört zu den lehrreichen Details, die die kleine Ausstellung "Spektakel des Schreckens" in der Staatlichen Bibliothek Regensburg ihren Besuchern näherbringt: Hingerichtete wurden in der Frühen Neuzeit nicht begraben, sondern vor den Toren der Stadt präsentiert. Damit demonstrierte die freie Reichsstadt, dass ihr Gericht befugt war, über Leben und Tod zu entscheiden. Diese Macht hatten nur Reichsstände, die direkt dem Kaiser unterstellt waren. Die Verbrecherleichen vor den Stadttoren dienten dem Prestige. Die Toten wurden auf Wagenräder geflochten und damit auf längeren Stangen in die Höhe gereckt. Als Insignien der eigenen reichsstädtischen Bedeutung - und um Leichenfledderern ihre Arbeit zu erschweren. Bestimmten Gliedern Hingerichteter wurden magische Kräfte zugesprochen.

Die Ausstellung fußt auf einem Zufallsfund, von dem Bibliothekare träumen: Beim Digitalisieren alter Bestände fiel eine handschriftliche Liste in einem Druck aus dem 16. Jahrhundert auf. Der Besitzer dieses rechtskundlichen Buches, ein gewisser Georg Sigismund Hamann, hatte von 1594 bis 1606 alle Regensburger Hinrichtungen verzeichnet. Es waren 26. Wie Bernhard Lübbers, Historiker und Leiter der Regensburger Stabi, herausfand, saß Hamann selbst in dem Gericht, das die Strafen verhängte. Im soeben erschienenen Bayerischen Jahrbuch für Volkskunde setzt sich Lübbers wissenschaftlich mit der Quelle auseinander. Hamanns Liste ist der Nukleus dieser Ausstellung. Zu sehen sind daneben mehrere Zeugnisse der frühneuzeitlichen Todesstrafe, der erste anatomische Atlas etwa, den der Flame Vesalius nach Studien an Hingerichteten verfasste.

Notorische Diebe wurden oft mit dem Schwert enthauptet oder am Galgen gehenkt, Kindsmörderinnen in der Donau ertränkt. Einen Tierschänder aus dem kurbayerischen Dorf Aufhausen, der sich an Schafen und Kühen vergangen hatte, ließen die Regensburger Richter im März verbrennen. Überhaupt verurteilten sie nur Arme und Fremde zum Tod. Diese Menschen hatten keine Fürsprecher. Doch wenn die Henker ihre Arbeit an den Delinquenten schlecht verrichteten, ging es ihnen selbst an den Kragen. Lübbers zeigt eine Regensburger Chronik, die von der Lynchjustiz am Scharfrichter Hanns Crafft und dessen Sohn aus dem Jahr 1640 berichtet. Crafft unterliefen beim Enthaupten einer Jugendlichen zwei Fehlschläge, einer auf die Schulter, einer auf die Wange. Als das Mädchen nach dem dritten Hieb enthauptet war, tötete das Volk ihn.

Die Geschichten sind makaber. Sie lösen bei aufgeklärten Besuchern leicht ein Überlegenheitsgefühl gegenüber den rohen Ahnen aus. Doch Lübbers warnt davor, die Menschen des 16. Jahrhunderts zu verurteilen. Sie handelten in ihrer Zeit nach den Prinzipien ihrer Zeit. Diese tödlichen Prinzipien walten in manchen Staaten noch heute, in den USA zum Beispiel. Bei der Ausstellungseröffnung provozierte Lübbers: Er zeigte ein Foto von IS-Kämpfern, verwies auf Marie Le Pens Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe und sprach das Publikum an: "Und wenn Sie sich jetzt selbst beim Anblick dieser Herren, die der Schriftsteller Boualem Sansal ,Allahs Narren' nennt, beim leisen Gedanken ertappen, dass sie einzig mit dem Tod zu bestrafen seien, dann sind Sie dem Erfahrungshorizont der Vormoderne nicht fern." Ob die öffentlichen Exekutionen des 16. Jahrhunderts den Hinrichtungen des IS näher sind oder den Todesspritzen der USA, darüber lässt sich nach dem Besuch dieser Ausstellung streiten.

Spektakel des Schreckens. Staatliche Bibliothek Regensburg. Bis Ende Februar