SZ: Bevor wir in Trübsinn verfallen, lassen Sie uns über die Erotik in Ihrem Werk sprechen. Sie ist in manchen Akten, vor allem aber im sehr delikaten Raffinement der Malweise, gegenwärtig. Welche Rolle spielt sie in Ihrer Kunst?

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Richter: Sie überraschen mich. Eigentlich keine. Erotische Bilder wollte ich noch nie machen.

SZ: Aha. Immerhin gibt es diese sehr direkten Akte aus den Jahren 67/68.

Richter: Ach so. Das waren die Jahre der sexuellen Befreiung. Oswalt Kolles Ära. Damals waren wir ja doch ziemlich prüde, im Vergleich zu heute. . .

SZ: Sie meinen die Allgegenwärtigkeit von Pornographie?

Richter: Das sind die neuen Dämonen. Früher waren es die Raubtiere, dann die Nazis, heute ist es das Internet.

SZ: Eines der teuersten zeitgenössischen Gemälde ist Ihr 1982 entstandenes Stillleben mit Kerze. 2008 wurde es für fünfzehn Millionen Dollar versteigert. Wie erklären Sie sich, dass ausgerechnet dieses Motiv eine solche Summe erzielt hat?

Richter: Das zu analysieren bin ich nicht der Richtige. Deshalb mache ich es mir einfach und sage: Weil das Bild so gut ist. Mir gefällt es tatsächlich, deshalb hat es mich sehr gefreut, als es so viel Geld brachte.

SZ: Aber nicht Ihnen?

Richter: Natürlich nicht. Als ich es vor gut 20 Jahren das erste Mal ausstellte, wollte es niemand kaufen - und jetzt das. Die unbehagliche Seite dabei ist allerdings, dass so ein Preis unanständig und irrsinnig ist, genauso wie das aktuelle Geldgeschehen, die sogenannte Finanzkrise.

SZ: Welches Bild außerhalb der Kunst war das grausamste für Sie?

Richter: Das Foto eines totgeschlagenen Kindes. Unerträglich.

SZ: Und welches war oder ist das tröstlichste Bild?

Richter: Immer das, bei dem mir die Tränen kommen. Vor Freude, dass es wider besseres Wissen doch noch gut ausgegangen ist in dieser Welt. Das gibt's.

Gerhard Richter wurde am 9. Februar 1932 in Dresden geboren. Mit 16 Jahren verließ er die Schule, wanderte mit Laienschauspielern über die Dörfer und malte Bühnenbilder und Reklametafeln, bevor er 1951 an der Kunstakademie in Dresden aufgenommen wurde. Wenige Monate vor dem Mauerbau floh er 1961 in den Westen, dort studierte er bis 1963 an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Karl Otto Götz, dem Hohepriester des Informel. In Opposition zu deren Gestik entwickelte Richter auf der Basis von Fotovorlagen eine konzeptuelle malerische Handschrift, die sich stilistisch ständig veränderte und sowohl mit Gegenständlichkeit als auch mit Abstraktion experimentierte. Immer wieder thematisierte er in seinen Werken auch politische Ereignisse, so den Zweiten Weltkrieg oder die RAF. Seit den 90er Jahren gilt der Künstler als der bedeutendste lebende Maler. Das Münchner "Haus der Kunst" zeigt bis 17. Mai die abstrakten Bilder; ergänzend würdigt die Londoner "National Portrait Gallery" bis 31.Mai die Porträts von Gerhard Richter.

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(SZvW vom 14./15.03.2009/irup)