Gerhard Richter "Ach so, das war die sexuelle Befreiung"

Der Maler Gerhard Richter spricht über den Krieg, die Erotik seiner Bilder und die Dämonen der Gegenwart.

Interview: Eva Karcher

Eine Suite im Bayerischen Hof in München. "Finden Sie die nicht ein bisschen groß?" fragt Gerhard Richter. Der berühmteste Maler der Gegenwart, den viele auch für den bedeutendsten halten, ist so souverän, wie es vielleicht nur Menschen sein können, die (fast) alles erreicht haben. Die Sonne scheint über München, Richter öffnet das Fenster. Dann wird der Wind stärker, er schließt es wieder, mit selbstverständlicher Aufmerksamkeit. Das altmodische Wort Herzenswärme liegt nahe. Unser Gespräch ist eines der sehr seltenen Interviews, die Richter gibt. Umso größer das Staunen über seine heitere Offenheit.

Gerhard Richter zählt zu den wichtigsten Malern der Nachkriegszeit.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Herr Richter, ein Satz von Ihnen lässt mich nicht mehr los: "Alles sehen, nichts begreifen." Das bringt die Blindheit in unserer hypervisuellen Gegenwart schon auf den Punkt . . .

Gerhard Richter: Er war ursprünglich eine Art Titel für mein erstes Glasscheibenobjekt. Denn das führte mir den Unterschied von Sehen und Begreifen sehr anschaulich vor. Damals fand ich den Satz fast etwas peinlich, ein wenig so, als hätte ich mich geoutet. Dabei trifft es ja ganz allgemein zu, dass der Weg vom Sehen zum Begreifen ein sehr weiter ist.

SZ: Diese Entfernung scheinen Sie vor allem mit Ihren gegenständlichen Gemälden zu durchmessen. Ist so Ihre typische Ästhetik des Diffusen entstanden, Szenen und Gestalten chimärenhaft zu malen, wie Schatten oder Träume?

Richter: Sie spielen auf den Schein an, den ich einmal als mein Lebensthema bezeichnet habe. Für jemanden, der Bilder herstellt, ist der Anschein, der Anblick tatsächlich das Wichtigste. Wir sehen den Schein der Wirklichkeit und erzeugen ihn dann künstlich, in Bildern.

SZ: Mit den unscharfen Bildern begann 1962 Ihre Karriere. Waren die Betrachter damals empört über diese Werke?

Richter: Ich glaube eher, dass sie überraschten. Manche, die sie sahen, lachten. Das fand ich gut. Als ich 1966 für einen Wettbewerb in Berlin ein Aktbild einreichte, wurde es mit der Begründung abgelehnt: "Wir sind nicht an kolorierten Fotos interessiert."

SZ: Das muss "Ema" gewesen sein, das inzwischen weltberühmte Gemälde, das im Kölner Museum Ludwig hängt.

Richter: Genau, und es wirkte damals viel fotoähnlicher als heute. Ich mochte diese Un-schärfe und die glatte perfekte Oberfläche, die so modern und technisch aussah, eben nicht so handgemalt altmodisch. Aber gleichzeitig war ich mir sehr unsicher, ob ich nicht ganz falsch liege.

SZ: Weil es keinen Vergleich gab?

Richter: Ja. Man erkennt eben immer leichter, wenn man etwas falsch gemacht hat, als wenn einem etwas Gutes gelungen ist. Mir ist das immer wieder passiert, dass ich gelungene Bilder für völlig missglückt hielt, weil ich sie nicht verstanden habe.

SZ: Dennoch haben Sie sie zugelassen, wie mutig!

Richter: Nein, nein, dazu war ich erst in der Lage, nachdem ich sie über Wochen oder sogar Monate immer wieder betrachtet habe, um so festzustellen, ob sie standhalten würden. Das mach' ich mit allen Bildern so.

SZ: Sie benutzen immer Fotos als Vorlagen. Waren die nicht meistens scharf konturiert?

Richter: Jein, die Amateurfotos waren früher viel unperfekter als heute, viel häufiger verwackelt und unscharf. Das gab den Fotos etwas Authentisches und Typisches, das ich dann sehr gerne für die gemalten Bilder übernahm. Das Ergebnis waren Bilder, die Realität auf andere als die gewohnte Weise zeigten . . .

SZ: . . . und damit die konventionelle Wahrnehmung verunsicherten. Haben Sie diese Technik des Verwischens möglicherweise auch gewählt, um eine Distanz zu den zum Teil sehr persönlichen, teilweise sehr politischen Inhalten, zum Beispiel zur Hitlerzeit, zu gewinnen? Wie erlebten Sie den Krieg?

Richter: Als Dresden bombardiert wurde, lebten wir in einem kleinen Dorf an der tschechischen Grenze. Für mich war der Krieg mehr ein großes Abenteuer als eine grauenvolle Sache. Zwölf Jahre war ich alt, als ich einige Soldaten, die auf dem Rückzug waren, voller Bewunderung beobachtete und ihnen stolz verkündete, ich würde auch bald Soldat sein. Einer von ihnen reagierte daraufhin sehr zornig und meinte: Für den Stuss müsste man dir den Hintern verhauen. Das hat mich schon sehr nachdenklich gemacht, sonst hätte ich es mir wohl nicht so genau gemerkt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Richter den Krieg verarbeitet.